Metzingen Von provokanten Neubauten

Das „Schlössle“ in der Klosterstraße gehört zu den bekanntesten historischen Gebäuden Neuhausens. Bauherr war Klosterpfleger und Schuldheiß Amandus Jäger im Jahr 1602.
Das „Schlössle“ in der Klosterstraße gehört zu den bekanntesten historischen Gebäuden Neuhausens. Bauherr war Klosterpfleger und Schuldheiß Amandus Jäger im Jahr 1602. © Foto: Nicole Wieden
Metzingen / Von Nicole Wieden 06.07.2018

Manches in dieser Welt ist zeitlos. Dazu gehören Nachbarschaftsstreitigkeiten. Dass etwa in grober Dreistigkeit mit einem architektonisch fragwürdigem Neubau das persönliche Schönheitsempfinden beleidigt wird, war auch schon im Neuhausen des 19. Jahrhunderts kein unbekanntes Phänomen. Davon hätte Elisabetha Katharina Bazlen, die zu dieser Zeit im Bindhof lebte, ein Lied singen können.

Wer sich über ihren Ärger noch heute amüsieren möchte, muss sich an Rolf Bidlingmaier wenden. Der Stadtarchivar hat am Mittwochabend Interessierte durch die Straßen von Neuhausen geführt, um vor ausgewählten Bauwerken aus dem historischen Nähkästchen des Metzinger Stadtteils zu erzählen. Denn trotz der Eingemeindung im Jahr 1972 seien die Neuhäuser eben doch irgendwie anders: „In Neuhausen sind wir auf dem Land. Die Metzinger sind städtischer“, gibt der Archivar zu verstehen.

Klassizismus im Ortskern

Aber zurück zu besagtem Konflikt: Streitobjekt war das alte Rathaus an der Kreuzung Klosterstraße  und Uracher Straße. Der Vorgängerbau befand sich zu Lebzeiten Bazlens nur einige Meter vom heutigen Standort entfernt und stellte in zunehmendem Maße ein Hindernis an der Hauptverkehrsschlagader dar.Den Umzug hatte man auf Grund einer klammen Kasse jedoch mehrere Jahre vor sich herschieben müssen. Als das nötige Kleingeld schließlich  beisammen war, schaltete sich Bazlen kurzerhand mit einer Klage ein. Der Bau versperre ihr die Aussicht. Ganze drei Jahre später, 1845, musste sie sich allerdings geschlagen geben.

Und so dürfen sich die Neuhäuser heute im Ortszentrum am Anblick eines klassizistischen Gebäudes erfreuen. Und während klassizistische Gebäude üblicherweise verputzt sind, bietet der symmetrische Bau seit seiner Renovierung Dank des freien Blicks auf die Fachwerkkonstruktion einen ungewohnten und seltenen Anblick.

Das Land der Verheißung

Dass Bidlingmaier bei seinen Zuhörern mit dieser und ähnlichen Anekdoten aufwarten kann, ist unter anderem den Zwiefalter Mönchen zu verdanken, die das Geschehen in Neuhausen seit dem Mittelalter sorgfältig dokumentiert hatten. In Ermangelung eines Erben nämlich hatten die Achalm-Grafen das Kloster Zwiefalten gestiftet, sodass die Siedlung Neuhausen in deren Besitz übergegangen war.

„Das ist ein Land wie das Land der Verheißung, ein Land reich an Korn und Wein, ein Land der Brote und der Weinberge, ein Land des Honigs, der Ölbäume und der Nüsse, dieses Land, sage ich, hat gesunde Luft, für den Fischfang die Annehmlichkeit eines Flusses, es hat fruchtbare Äcker, baumreiche Wälder und üppig tragende Weingärten“, schwärmte schon Mönch Ortlieb über das Ermstal.

Bei diesen Aussichten wurden auch die Württemberger schwach, weshalb sich bis 1750 ein Zwist um die Herrschaftsansprüche hinziehen sollte. In einem Vertrag verzichtete das Kloster schließlich auf seinen Gebietsanspruch und erhielt im Gegenzug den Status einer unabhängigen Reichsabtei.

Damit entzog sich das Kloster dem württembergischen Vogt und unterstand allein dem Kaiser. In Anbetracht der Tatsache, dass nur 50 Jahre später die Säkularisierung der Reichsklöster einsetzten sollte, rückblickend ein offenkundig schlechter Deal.

Der Spaziergang mit dem Archivar führt vom Bindhof über das alte Rathaus hin zum „Schlössle“, dem schmucken Bau in der Klosterstraße 15, vorbei am Fronhof hinaus zu den Keltern am Fuß der Weinberge. Dort folgte für die Teilnehmer auf die lokalen Geschichten zum Abschluss ein regionaler Tropfen aus den Beständen der Weingärtnergenossenschaft Metzingen-Neuhausen.

Dass dies überhaupt noch möglich ist, verdanken die Neuhäuser ihrer rebellischen Ader während der Flurbereinigung in den 70er Jahren. Denn mit einem Gerichtsverfahren hatte man 1976 für die Mittlere Kelter den Denkmalschutz aufgehoben. Den endgültigen Abriss konnte allerdings eine Bürgerinitiative noch rechtzeitig verhindern.

Das Gebäude wurde anschließend in Eigenarbeit restaurierte, wobei die Arbeit die Neuhäuser ordentlich zusammengeschweißt haben soll. „Sobald ein Gebäude saniert wird, ist es in der Regel über den Berg“, erklärt der Archivar angesichts der Konkurrenzkämpfe mit Investoren in Zeiten boomender Grundstückspreise.

Die Rettung vor ungebremster Abrissfreudigkeit bestehe darin, einen konkreten Nutzen für die alte Substanz zu finden, auch wenn das betreffende Gebäude dafür einige Jahre leer stehen müsse. Denn der Charme Neuhausens ergibt sich nun einmal ganz wesentlich aus seinen provokanten Neubauten vergangener Zeiten.

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