Man kennt Dietrich Bonhoeffer als lutherischen Theologen und Vertreter der Bekennenden Kirche, man weiß von seinem Widerstand gegen den Nationalsozialismus und seinem Tod durch den Strang im Konzentrationslager Flossenbürg. Doch was Vera Bauer und ihr Mann David Goldzycher am Dienstagabend in der neuen Aula des Gymnasium, das seinen Namen trägt, boten, war mehr als bewegend.

"Jener volle Klang der Welt" war ihr Programm betitelt. Und es war ein Klang der Worte Bonhoeffers, ein Violinenklang der Töne von Telemann, Hindemith und Bach, mit denen das Schweizer Ehepaar den Menschen Bonhoeffer eindrucksvoll ins Bewusstsein brachte.

Vera Bauer, selbst Musikerin und Rezitatorin, las aus den Briefen, die der Theologe aus der Haft im Untersuchungsgefängnis der Wehrmacht in Tegel an seine Freunde schrieb, las Gedichte, in denen Bonhoeffer sein Innerstes offenbarte. Und da schrieb nicht der Leidende, der dem Schicksal ausgeliefert war. Da schrieb der Mann, der weder Mensch noch Teufel den Gefallen tat, sich von der Tristess der Schwermut unterkriegen zu lassen. Er schrieb von Ängsten und Zweifeln, aber nicht klagend, sondern immer auch den Adressaten aufrichtend. Man müsse dem Schicksal entgegentreten, sich ihm aber auch unterwerfen. "Man kennt sich weniger über sich selbst aus", heißt es in einem Brief. Er schrieb von einer "ununterbrochenen Bereicherung der Erfahrung", die er auch in dieser Situation erlebte.

Bonhoeffer war ein Mann des christlichen Glaubens. Doch sein Verhältnis zu Gott, so zeigte sich in diesen Briefen, war nicht das eines Menschen, der sich in Gottvertrauen ergab, sondern der seine Beziehung dazu infolge seiner Hafterfahrungen in einem neuen Licht erlebte. "Ein Mensch ist schlechthin Christ", hatte er geschrieben. Und: "Erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens lernt man Glauben."

Mit dem Scheitern des Attentats von Stauffenberg auf Hitler am 20. Juli 1944 war er sich seines Schicksals bewusst. Und doch schrieb er zum Jahreswechsel das Gedicht "Von guten Mächten", in dem er ins neue Jahr ging, "getrost, was kommen mag."

Vera Bauer vermochte es, die Sätze sprachlich, mimisch, bewegungsdezent zu gestalten. Man merkte ihr an, dass sie es sich nicht leicht gemacht hatte sich ihren persönlichen Zugang zu den Briefen und Gedichten zu erschließen und auf ein Publikum zu übertragen. Das Violinspiel von David Goldzycher ließ zwischen den Passagen von Vera Bauer das gesprochene Wort nachklingen und gab doch auch Impulse, deren Sinn gefühlsmäßig auf sich wirken zu lassen. Violinspiel und gesprochene Texte bildeten so eine Einheit, die den Menschen Bonhoeffer ins Bewusstsein brachte, seine Kraft und Stärke, seine Unverzagtheit ob des drohenden Endes.

Das Gymnasium hatte an diesem Abend zum 70. Todestag von Bonhoeffer eingeladen, weit mehr als 250 Gäste waren gekommen, unter ihnen viele Schüler und ihre Lehrer. Auch Schulleiter Matthias Pröhl zeigte sich beeindruckt von den Darbietungen der beiden Künstler und ihrer Orientierung auf den Menschen Bonhoeffer, auf seine Zuversicht, seinen Optimismus und sein Verantwortungsbewusstsein in dieser besonderen Situation.

Eine kleine Gruppe des Publikums, vor allem Lehrer, nutzten im Anschluss noch das Gespräch mit Vera Bauer zu ihrer persönlichen Aneignung der Briefe und Gedichte Bonhoeffers und ihrer Beziehung zur Musik für diese Veranstaltung.