Bad Urach Volle Register für die stille Zeit

Bad Urach / Von Peter Kiedaisch 04.12.2018

Die stillste Zeit des Jahres hat begonnen. Ein Satz, der im Seminar „Formale Logik“ geradewegs rot durchgestrichen und als falsch gebrandmarkt würde. Was auch immer die Adventszeit charakterisiert, Stille herrscht allenfalls in einem eingeschneiten und abgeschiedenen Bergdorf, das in einem dunklen Tal zwischen eisigen Felswänden von der Außenwelt abgeschnitten ist. Ist diese Zeit besinnlich angesichts der Hektik im Beruf und im Bestreben, diese Zeit bewusst besinnlich gestalten zu wollen? Eine Frage, an der sich Studenten der Philosophie reiben dürfen. Doch gewiss ist diese Zeit etwas Besonderes, für Armin Schidel ist sie sogar „die schönste Zeit im Kirchenjahr“. Und für ihn persönlich eine Herausforderung, denn er ist Kantor der Stiftskirche St. Amandus in Bad Urach.

Herr Schidel, Musik spielt in den kommenden Wochen eine herausragende Rolle, nicht nur für Sie als Kantor. Weihnachten ohne all die schönen Lieder wäre doch undenkbar.

Armin Schidel Vor Weihnachten kommt ja die Adventszeit. Sie ist für mich die schönste Zeit im Kirchenjahr. Auch weil man Lieder singt, die zwar jedes Kind kennt, die aber nur im Advent ihren Ort haben.

Die jedes Kind kennt, die aber keine Kinderlieder sind.

Genau. Beispielsweise „Macht hoch die Tür“ oder „Es kommt ein Schiff geladen“: Das sind Lieder, die auf mittelalterliche Theologie zurückgehen, voller Symbolik. Das Schiff ist die Seele, die an Land geht. Und natürlich ist für mich die Adventszeit verbunden mit Kindheitserinnerungen. Was man als Kind beim Warten vom Mittag des Weihnachtstages bis zum Heiligen Abend als unendlich lang empfand, findet als Erwachsener seine Entsprechung möglicherweise in der Adventszeit. Die Adventszeit ist eigentlich eine Fastenzeit, die nur an den Adventssonntagen unterbrochen wird. In den Klöstern ist das heute noch so, gegessen wird fleischlos und wenig. Man ist insgesamt etwas sparsamer.

In musikalischer Hinsicht sind Sie aber nicht sparsam?

O nein, im Gegenteil. Während der Adventszeit gibt es eben diese spezielle Musik, die nur da gesungen wird. Während des restlichen Jahres geht das nicht. Da gibt man dann als Kantor schon richtig Gas. Chöre werden verstärkt mit einbezogen, und wir versuchen, den festlichen Charakter hervorzuheben. Begleitend gibt es an zwei Samstagen Orgelmusik zur Adventszeit. Dekan Michael Karwounopoulos hält dazu eine kurze Lesung. Das ist eine bewährte Koproduktion, dadurch wird die Orgelmusik noch aussagekräftiger.

Was beispielsweise liest der Dekan?

Ganz bestimmt den Adventspsalm 24: „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe.“ Die Katholiken haben den Advent  in jeder Heiligen Messe beim „Benedictus“ („Benedictus qui venit“, „Gelobt sei, der da kommt“). Das wird beispielsweise auch in der H-Moll-Messe von Bach zitiert.

Spielen Sie auch Bach?

Ja, rauf und runter. Etwa „Nun komm, der Heiden Heiland“. Der Text stammt von Ambrosius von Mailand, den er ums Jahr 386 geschrieben hat. Bach hat dazu viele Kompositionen, Kantaten und Orgelwerke komponiert. All das kann man während der Adventszeit spielen.

Wie bewältigen Sie dieses Pensum? Müssen Sie nicht täglich stundenlang üben?

Als Schüler habe ich bis zu sechs Stunden täglich geübt, um die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Kirchenmusik zu schaffen.

Sechs Stunden? Respekt!

Das ist der Unterschied zu anderen Studienfächern. Als Maschinenbauer muss man nicht erst eine Dampfmaschine gebaut haben, um zum Studium zugelassen zu werden.

Jedenfalls hat es mit dem Studium geklappt.

Ja, nach dem Abi, Wehrdienst und einer verkürzten Orgelbaulehre habe ich evangelische Kirchenmusik in Stuttgart, Esslingen und Tübingen studiert. Danach war ich zweieinhalb Jahre Assistent an der Stiftskirche Tübingen, 1987 wurde ich zum Kantor der Stiftskirche St. Amandus gewählt. Und das habe ich noch keinen Tag bereut. Und  nebenbei gönne ich mir noch etwas Oberliga: Ich habe einen kleinen Dienstauftrag am Ulmer Münster. Das ist eine künstlerische Herausforderung.

Aber die Musik dort ist doch auch nicht anders?

Dort gibt es aber  viel mehr Kirchenmusik, beispielsweise tägliche Orgelkonzerte, und es sind neben dem Münsterkantor mehrere Organisten tätig. Ansonsten sorge ich natürlich in der Amanduskirche dafür, dass abwechslungsreiche Kirchenmusik stattfindet.

Beispielsweise mit der  „Stunde der Kirchenmusik“, der „Orgelmusik zur Markzeit“ oder zum Advent.

Genau, das Besondere daran ist die Regelmäßigkeit. Zudem ist dieses Angebot sozusagen niederschwellig, dadurch ist es immer gut besucht.

In Kirchen ist es oftmals eher kalt, besonders im Winter. Spielt es sich gut mit klammen Fingern?

Ich habe immer warme Hände, das ist meine Betriebstemperatur.

Haben Sie ein Lieblings-Weihnachtslied?

Ja, „Vom Himmel hoch, da komm ich her“. Ich habe 1985 eine Luther-Ausstellung in Nürnberg besucht. Da hing ein von ihm handschriftlich beschriebenes Blatt. Vier Notenzeilen, darunter 15 Strophen und nur zwei kleine Korrekturen. Das zu sehen, hat mich umgehauen. Weihnachten ohne dieses Lied geht gar nicht. Es hat einen hohen theologischen Anspruch und ist zudem für Kinder gut verständlich. Auch Bach hat sich stark damit beschäftigt, das verdeutlicht den musikalischen Stellenwert dieses Werks: „Ach Herr, Du Schöpfer aller Dinge“: Das ist doch voller Symbolik. Das ist wie ein gesungener Flügelaltar. Bis zur dritten Strophe kann es ja fast jeder auswendig. Das komplette Lied aber ist so plastisch und beeindruckend, für solch einen Choral setzt man alle Klangfarben der Orgel ein.

Aber das letzte Lied an Heilig Abend ist „O du fröhliche“.

Ja, auch das ist ein wunderbares Lied, bei dem ich alle Register ziehe. Es ist ein populärer und versöhnlicher Abschluss, danach geht man fröhlich nach Hause.

Orgelmusik in der Stiftskirche St. Amandus

Musikalische Genüsse gibt es in der Amanduskirche das ganze Jahr über. Um nur einige herauszupicken:

Samstag, 8. Dezember, 11 Uhr: Orgelmusik zum Advent mit Armin Schidel

Mittwoch, 26. Dezember, 10 Uhr: Festgottesdienst mit Stefansmusik

Samstag, 23. Februar, 20 Uhr: Stuttgarter Hymnus-Chorknaben

Samstag, 23. März, 20 Uhr: Orgelkonzert mit Armin Schidel

Samstag, 5. Oktober, 19.30 Uhr: Thomanerchor Leipzig mit Armin Schidel an der Orgel

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