Metzingen Vier auf einen Streich

Einen neuen Blick auf historische Gebäude gibt es am Sonntag: Besichtigt werden kann unter anderem die Alte Turnhalle.
Einen neuen Blick auf historische Gebäude gibt es am Sonntag: Besichtigt werden kann unter anderem die Alte Turnhalle. © Foto: Thomas Kiehl
Metzingen / Regine Lotterer 05.09.2018

Schultheiß Friedrich Caspar sah sich 1906 zu einem eindringlichen Appell an den Gemeinderat genötigt. Das auf Sparsamkeit bedachte Gremium möge, so seine Bitte, die neue Volksschule „ja nicht zu klein bauen“. Seine mahnenden Worte zeigten Wirkung, die Herren nahmen ausreichend Geld in die Hand, und die rasant wachsende Kleinstadt erhielt ein großzügiges Schulhaus, heute als Sieben-Keltern-Schule bekannt. Es fügte sich ein in eine ganze Reihe neuer Bauten und Errungenschaften, die vom wachsenden Wohlstand im Ermstal kündeten: Noch vor der Jahrhundertwende entstanden die moderne Wasserversorgung, ebenso wie ein E-Werk. Seit 1905 besaßen die Metzinger eine schmucke Turnhalle (heute Alte Turnhalle), und kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs wurde das heutige Alte Rathaus fertiggestellt.

Neue Broschüren

Es sind Gebäude, die das Stadtbild bis in die Gegenwart prägen und die ein beredtes Zeugnis über eine Blütezeit der Kommune ablegen. Die Wirtschaft in Metzingen florierte ebenso wie im ganzen Kaiserreich, die Löhne stiegen, die Zukunft schien vielversprechend.

Eine derartige Wachstumsphase, sagt der Metzinger Stadtarchivar Rolf Bidlingmaier,  erlebten die Metzinger erst wieder ab den 1960er Jahren, als sich die Stadt auch architektonisch erneuerte. Allerdings investierte die Kommune ebenfalls immer wieder große Summen in den Erhalt der historischen Bausubstanz. Allein in den vergangenen Jahren wurden insgesamt 20 Millionen Euro in den Pfleghof, ins Alte Rathaus, in die Alte Turnhalle und in die Sieben-Keltern-Schule gesteckt, wie Rolf Bidlingmaier erklärt.

Auf den Turm

Zum Abschluss der Arbeiten hat die Stadt jeweils Broschüren herausgebracht, die Auskunft geben über die Bau-, Nutzungs- und Sanierungsgeschichte sowie über die architektonischen Besonderheiten. Die Festschriften zur Wiedereinweihung sind reich bebildert und ermöglichen somit einen hervorragenden Blick in die Stadtgeschichte.

Damit die Einwohnerschaft sowie Gäste aus anderen Kommunen sehen können, was während der Sanierungszeit entstanden ist, sind die Sieben-Keltern-Schule, die Alte Turnhalle und das Familienzentrum Pfleghof am Sonntag, 9. September, geöffnet. Einlass erhalten Neugierige zudem in die Martinskirche, hier kann überdies der Turm bestiegen werden. Damit, sagt Rolf Bidlingmaier, bietet sich den Metzingern die einmalige Gelegenheit, vier historische Gebäude in der Kernstadt an einem Tag zu besichtigen.

In der Sieben-Keltern-Schule und in der Turnhalle finden die Besucher in den beteiligten Architekten kompetente Ansprechpartner, außerdem besteht die Chance, sich in der Schule einer von drei Führungen anzuschließen.

Ein Stilmix

Wer beide Gebäude noch aus seiner Schulzeit kennt, dem dürfte der Besuch einige Aha-Erlebnisse bescheren. In der Turnhalle ist jetzt beispielsweise wieder die ursprüngliche, höchst filigrane, stählerne Dachkonstruktion zu sehen. Bis zur Sanierung verstellten Zwischendecken den Blick nach oben. Am und im Gebäude, schildert Rolf Bidlingmaier, verschmelzen verschiedenste Baustile zu einem harmonischen Miteinander: Der Rundbogenfries erinnert beispielsweise an die Romanik, der Staffelgiebel und die Strebepfeiler sind der Gotik entlehnt, der Turm gemahnt ans ritterliche Mittelalter. Heute dient er allein dem Schmuck des Gebäudes, ursprünglich entstand er für die Feuerwehr: Sie nutzte ihn für ihre  Löschübungen.

Trotz der an die Vergangenheit erinnernden optischen Elemente entschied sich die Stadt 1903 beim Bau der Turnhalle modernste Technik zu nutzen: Die Gremien votierten dafür, Eisenbetondecken zu verwenden: „So zu bauen, wurde erst um die Jahrhundertwende möglich“, erklärt Rolf Bidlingmaier. In der Tat gab es in Metzingen Probleme mit dieser Methode, über dem Untergeschoss stürzte eine Decke ein, die Eröffnung verzögerte sich.

Die Turnhalle diente allerdings lange Zeit nicht allein der Leibesertüchtigung, sondern bot auch vielen städtischen Festen, Theater- und Gesangsabenden einen würdigen Rahmen. Wiewohl es immer wieder Klagen über zu unbequeme Stühle und über die Heizung gab. Wer zu dicht an den Öfen saß, erzählt Rolf Bidlingmaier, der geriet mächtig ins Schwitzen, während die Künstler, deren Garderoben im Untergeschoss lagen, frieren mussten wie die armen Schneider.

Solche und noch viele andere Details sind in den neuen Broschüren zu finden, die die Stadt herausgebracht hat. In der Sieben-Keltern-Schule und in der Alten Turnhalle liegen am Sonntag jeweils Exemplare bereit, sie dürfen kostenlos mitgenommen werden.

Wo stehen am Sonntag die Türen offen?

Die Stadt Metzingen beteiligt sich am Sonntag, 9. September, am Tag des offenen Denkmals. Geöffnet sind an diesem Tag mehrere historische Gebäude in der Kernstadt: Die Martinskirche ist nach dem Gottesdienst bis gegen 17 Uhr geöffnet, der Turm ist die ganze Zeit über begehbar. Für Interessierte gibt es um 11 Uhr  und um 15 Uhr eine Kirchenführung mit Brigitte Hahn und eine Führung mit Orgelvorstellung und Orgelmusik mit Bezirkskantor Stephen Blaich. Das Familienzentrum in der Pfleghofstraße kann von 14 bis 17 Uhr besichtigt werden, ebenso wie die Alte Turnhalle und die Sieben-Keltern-Schule. In der Schule besteht die Möglichkeit, um 14, 15 und um 16 Uhr an einer Führung teilzunehmen.

Eine Führung gibt es zudem um 14 Uhr im Weinbaumuseum, das durchgehend von 14 bis 17 Uhr geöffnet ist.

In Glems sind Besucher von 11 bis 17.30 Uhr im Obstbaumuseum willkommen, Führungen sind um 14 und um 16 Uhr. Es wird bewirtet. Die Türen der Glemser Bethel-Kirche stehen von 11.30 bis 19 Uhr offen.

In Neuhausen besteht die Möglichkeit, von 13 bis 17 Uhr den Bindhof zu besichtigen. Führungen gibt es nach Bedarf.

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