Rührende Szenen und Tränen im Schwurgerichtssaal: Auch wenn der heute 23-jährige Angeklagte anfangs gefasst auf sein am Mittwochnachmittag verkündetes Urteil gewartet hatte, musste ihm gegen Ende der Urteilsbegründung der anwesende Dolmetscher doch ein Tempotaschentuch reichen. Da saß der des mehrfachen schweren Kindesmissbrauchs beschuldigte junge Mann schon geraume Zeit zusammengesunken und das Gesicht in die auf dem Tisch aufgestellten Arme vergraben da.

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Schlaitdorf

„Einen Moment, bitte!“

Nachdem die Vorsitzende Richterin Sigrid Höchst den vierten Verhandlungstag der 8. Großen Jugendkammer am Tübinger Landgericht nach gut einer halben Stunde beendet hatte, und der Beschuldigte wieder abgeführt werden sollte, standen im Zuschauerraum auch die eigens aus Wiesbaden und Andernach angereisten Geschwister des noch jungenhaften 23-Jährigen auf. „Einen Moment, bitte!“, sagte seine ältere Schwester mehrmals laut schluchzend. Und streckte sehnsüchtig die Arme nach ihrem jüngeren Bruder aus.

Denn die aus zwei hauptamtlichen und zwei Laienrichtern bestehende Kammer hat den seit der vorläufigen Anerkennung seines Flüchtlingsstatus in Reutlingen lebenden Auszubildenden in den Worten von Richterin Höchst zu einer „straff zusammengezogenen Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren“ verurteilt. Gegen das Urteil können sowohl der Staatsanwalt als auch die Vertreterin der Nebenklägerin sowie die Verteidigerin des 23-Jährigen noch Revision einlegen.

Aussetzen der restlichen Strafe auf Bewährung

Nach Abzug der Untersuchungshaftzeit könne es durchaus sein, dass er den Rest der Freiheitsstrafe auf Bewährung verbüße, stellte die Richterin in Aussicht. Das sei „kein Versprechen, aber ein Hinweis“.
Die Staatsanwaltschaft, vertreten durch Dr. Burkhard Werner, hatte in den nicht öffentlich vorgetragenen Plädoyers am Montag sechs Jahre Gefängnis gefordert; Verteidigerin Safak Ott hingegen „Freispruch, hilfsweise zwei Jahre Haft auf Bewährung“.
Angeklagt war der zur Tatzeit 22-jährige Flüchtling des 13-fachen schweren Kindesmissbrauchs zwischen September und Dezember 2019, davon zweimal in Tateinheit mit Vergewaltigung und einmal zudem mit Freiheitsberaubung.

Bad Urach-Sirchingen

Nicht gewusst, wie jung sie ist

Die Jugendkammer sieht hingegen lediglich sechs Fälle als erwiesen an, dazu zwei, die sie als Vergewaltigungen wertet, da sich das zwar frühreife, doch sexuell unerfahrene Mädchen wohl von den körperlichen Erwartungen ihres damaligen Partners überrannt und überfordert sah. Und dies auch äußerte.

Doch anfangs habe der damals 22-jährige Syrer nicht gewusst, dass das Mädchen, das er im vergangenen August im Internet kennengelernt hatte, noch keine 14 war. Sie hatte sich ihm, seinem Mitbewohner und dessen Freundin gegenüber wohl überzeugend als 16-Jährige ausgegeben. Erst nach einem Zusammentreffen mit der Mutter des Mädchens müsse ihm klar gewesen sein, dass er sich strafbar machte.

Schülerin sieht sich nicht als Opfer und steht nicht hinter der Anklage

Zugute hielt das Gericht ihm unter anderem, dass sich die heute 14-jährige Schülerin aus Metzingen nicht als Opfer fühle, sich auch nach den Vergewaltigungen noch mit ihm traf und dem Geschlechtsverkehr zustimmte, sich in Tagebüchern und Chats gar begeistert darüber äußerte.
Dass ihr damaliger Freund im Gefängnis sitzt, kreidete die Nebenklägerin bei ihrer nichtöffentlichen Zeugen-Befragung nach Angaben der Vorsitzenden Richterin ihren Eltern an. Die Mutter hatte ihm gedroht, dass sie ihn anzeigen könne, was sie im Dezember schließlich auch tat.
Zudem war die Geschädigte „nicht weit unter der Schutzgrenze“, also ihrem 14. Geburtstag, der Altersunterschied nicht allzu groß, der Beschuldigte selbst sei „dem Heranwachsendenalter noch nicht lange entwachsen“ und teilweise geständig.

Gut integriert und verantwortungsvoll

Die Kammer bleibt mit ihrem Urteil auch deshalb unter dem vom Staatsanwalt geforderten Strafmaß, da der ansonsten gut integrierte junge Mann eine durchaus verantwortungsvolle Liebesbeziehung mit der damals 13-Jährigen geführt haben soll.
Das Weinen und Winken der Schwester des jungen Syrers ließ das Gericht nicht kalt: „Eine Person“ dürfe sich dem hinter einer Plexiglasscheibe stehenden 23-Jährigen nähern, beschloss die Vorsitzende zum Schluss. „Mit Abstand. Und nicht umarmen!“ Dann wurde er wieder in die Zelle abgeführt, in der er aufgrund von Fluchtgefahr bereits sechs Monate in U-Haft ausharrt.

Jeder unter 14 Jahren gilt rechtlich als Kind


Die Rechtslage ist eindeutig: Wer als volljähriger Mensch mit einer Person unter 14 Jahren Geschlechtsverkehr hat, macht sich des schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes schuldig. Das Strafmaß für derartige Taten betrug in den vergangenen Monaten im Land zwischen zwei Jahre auf Bewährung und 1,5 bis 3,5 Jahre Haft.