Am vierten Verhandlungstag steht das Urteil fest: Das Landgericht Tübingen verurteilt eine 38-jährige Metzingerin „wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung zu acht Jahren Freiheitsentzug“. Das hat der Vorsitzende Richter Ulrich Polachowski am Freitag „im Namen des Volkes“ verkündet.

Staatsanwalt Simon Müller hatte in seinem Plädoyer mit elfeinhalb Jahren eine deutlich höhere Haftstrafe gefordert. Für ihn stand eindeutig fest, dass die 38-Jährige gezielt die Tötung ihrer Schwiegermutter geplant hatte. „Die Angeklagte hatte ein Tatmotiv, denn sie sah ihre Schwiegermutter als Hindernis“, erklärte Müller. Und zwar als Hindernis, das einer Versöhnung der Frau mit ihren getrennt lebenden Mann im Weg stand.

Lebensziel erhält bald einen Knacks

Ähnlich sieht es das Gericht, das sich „im Wesentlichen den Ausführungen der Staatsanwaltschaft anschließt“, zitiert Richter Polachowski aus der Urteilsbegründung. Nachdem die Angeklagte mit 23 Jahren ihren späteren Mann kennengelernt und das Paar sehr schnell geheiratet hatte, „hat das Lebensziel der Frau nach einer Familie bald einen Knacks erhalten“. Trotz der beiden Kinder, welche die Angeklagte zur Welt brachte, litt die Beziehung zu ihrem Mann unter „einem Bruch, der über zehn Jahre hinweg nicht gekittet werden konnte“. Mit den „Problemen zwischen den Eheleuten hatte die Schwiegermutter aber erstmal nichts zu tun“, sagt der Richter.

Versuchter Mord an Schwiegermutter in Metzingen Gutachter schließt Affekttat aus

Metzingen

„Erst als die Scheidung im Raum stand, rückte die Mutter ihres Mannes in den Vordergrund.“ Zu dem Zeitpunkt müsse bei der Angeklagten eine perfide Idee aufgekommen sein: Wenn die Schwiegermutter weg wäre, könnte sie ihre Ehe retten. Von April vergangenen Jahres an habe sich die 38-Jährige immer mehr auf Gedanken an die Tötung der heute 82-Jährigen versteift.

Recherche auf dem Handy

Mit ihrem Handy hatte die Schwiegertochter nach Begriffen wie „Tötung durch Erstickung ohne Spuren“ gesucht und auch Bekannten gegenüber gesagt, dass sie die alte Frau am liebsten umbringen würde. „Warum sich die Angeklagte ausgerechnet in der Tatnacht, am 4. Dezember 2019, auf den Weg machte, wissen wir nicht – irgendwas muss gewesen sein“, führt der Vorsitzende Richter weiter aus.

Fest steht in den Augen der Schwurgerichtskammer am Landgericht: Mit einem nachgemachten Schlüssel drang die Täterin in das Haus ihres Mannes und seiner Mutter ein. Im Schlafzimmer der alten Frau habe sie die schlafende Person attackiert, versucht, sie mit mitgebrachten feuchten Handtüchern zu ersticken, dazu Mund und Nase des Opfers mit den Fingern weit aufgerissen, um ihr das Handtuch in den Mund zu stopfen – was jedoch misslang.

Opfer appelliert: „Du hast doch auch eine Mutter“

Insgesamt dreimal griff die 38-Jährige die Schwiegermutter an, ließ sich auch nicht von davon abhalten, als ihr Opfer sie direkt ansprach: „Du hast doch auch eine Mutter, und würdest nicht wollen, dass ihr so etwas geschieht.“

Der Behauptung der Angeklagten, dass sie von der Tötungsabsicht noch rechtzeitig abließ, schenkt die Kammer keinen Glauben. „Ich habe ganz allein aufgehört“, hatte die 38-Jährige unter Tränen in ihrem letzten Wort vor dem Urteil geschluchzt. Mehrfach beteuerte sie: „Ich habe gesehen, wie sie noch geatmet hat und bin dann gegangen.“
Dem Opfer hingegen attestiert das Gericht Geistesgegenwart: Als die Täterin ihr letztlich ein Kissen sehr massiv auf den Kopf drückte, habe die Geschädigte sehr klug reagiert, indem sie ihren Arm unter den Kopf klemmte und sich tot stellte. „Allein durch diese Atemhöhle hat sie überlebt“, hatte der Staatsanwalt betont.
Lange blieb die heute 82-Jährige in jener Nacht so liegen, bis sicher war, dass kein weiterer Angriff drohte.
Anders als das Gericht sah Verteidiger Urs-Gunther Heck in dieser Tat keine heimtückische Tötungsabsicht: „Was bleibt, ist gefährliche Körperverletzung“, sagte der Rechtsanwalt. Die könnte mit einer Bewährungsstrafe von unter zwei Jahren geahndet werden.
Dem folgte das Gericht nicht, verhängte aber auch kein so hohes Strafmaß wie von Staatsanwalt Simon Müller gefordert. Richter Polachowski: „Der heimtückische Angriff ist als versuchter Mord mit gefährlicher Körperverletzung zu werten – trotzdem entschieden wir uns nicht für die lebenslängliche Freiheitsstrafe.