Sie haben heißes Wasser gefunden! Wie ein Lauffeuer verbreitete sich diese Nachricht am Dienstag, dem 12. Mai 1970, also vor fünfzig Jahren, in der Stadt, ja im ganzen Ermstal. Viele Bürger waren überrascht, denn letztlich waren es erst knapp fünf Monate her, dass am Westrand der Stadt, auf einem Wiesengrundstück im Gewann „Diegele“, der Bohrmeißel in Bewegung gesetzt wurde und damit das Wagnis der Tiefbohrung nach mineralisiertem Thermalwasser begann.

Gemeinderat fehlt der Mut

Ganz besonders erfreut über den Bohr-Erfolg war auch Stadtbaurat a.D. Willy Ballmann, der schon fast zwei Jahrzehnte lang den Uracher Gemeinderat immer wieder für eine Bohrung nach Thermalwasser gewinnen wollte, zunächst um das Badewasser im Höhenfreibad aufzuheizen, später aber um es für therapeutische Maßnahmen zu nutzen. Ballmanns, durch geologische Gutachten gestützten Bemühungen, wurden von vielen Seiten belächelt, nicht so recht ernst genommen. Tatsächlich fehlte der Stadt aber das Geld, vielleicht aber auch dem Gemeinderat der Mut, sich auf ein kostspieliges Bohr­abenteuer einzulassen.

Diesen Mut hatte aber die Ende Juni 1969 gegründete „Ermstal-Bohrgesellschaft mbH & Co KG“ mit Kapitalgebern aus dem ganzen Land, vornehmlich aber aus dem Ermstal. Ermuntert dazu wurde die Gesellschaft insbesondere durch die wissenschaftlichen Untersuchungen und Gutachten des Landesgeologen Prof. Dr. Kurt Sauer aus Freiburg sowie des thermalbohrerfahrenen Hydrologen Prof. Josip Bač von der Universität Sarajevo. Beide Experten waren sich darüber einig, dass um Urach herum die besten geologischen Voraussetzungen bestehen, bei einer Bohrung, die auf eine Tiefe zwischen 700 und 800 Meter getrieben wird, ein Mineralwasser mit einer Temperatur zwischen 30 und 50 Grad Celsius aufzufinden.

Geheime Grundstücksverhandlungen

Die Fachleute waren sich auch schnell darüber einig, an welcher Stelle gebohrt werden sollte. Leider war das entsprechende Grundstück noch nicht im Eigentum der Ermstal-Bohrgesellschaft. Es musste zuerst noch von einem Privatmann erworben werden. Bis dieses Grundstücksgeschäft unter Dach und Fach war, blieb der vorgesehene Bohrpunkt geheim, was natürlich in der Bevölkerung zu wilden Mutmaßungen führte. So sah man den Bohrturm schon im „Maisental“, am Fuße des „Galgenbergs“, im „Seltbachtal“, sogar auf einem Grundstück unterhalb der „Bleiche“, also auf Dettinger Markung stehen. Im Gespräch war auch das wasserreiche Gebiet „Diegele“ am Fuße der Eichhalde. Auf einem Grundstück in diesem Gewann hat dann tatsächlich die Firma „Heinrich Anger’s Söhne“ aus Hessisch Lichtenau im Dezember 1969 ihren 33 Meter hohen, stählernen Bohrturm aufgestellt.

Bohrbeginn am 15. Januar

Am 15. Januar, einem kalten, unwirtlichen Donnerstag-Vormittag im schneereichen, strengen Winter 1969/70, setzte Meister Hardy Feiertag von der Firma Heinrich Anger’s Söhne – kurz H.A.S. – den Meißel des Bohrturms in Bewegung: Das Wagnis der Tiefbohrung, die Suche nach Quellhorizonten und damit nach heißen Mineralquellen hatte begonnen. So mancher Uracher schaute nun in den nächsten Wochen bei der Bohrstelle vorbei, wo eine große Tafel über den aktuellen Bohrfortschritt informierte.

„Die Zeichen stehen günstig“

Und die Bohrarbeiten gingen zügig voran. Schon am 20. Februar wurden, wie die Geologen angenommen hatten, zwischen 390 und 422 Meter unter Gelände die wasserführenden Schichten des Schwarzjura Alpha und des Rhät erreicht. Der „Ermstalbote“ konnte wenige Tage später melden: „Die Zeichen stehen günstig. Die Begründer der „Ermstal-Bohrgesellschaft“ sind fürs erste in einem Maße fündig geworden, wie sie es gar nicht erwartet hatten. Schon in einer Tiefe von 415 Metern werden – zur Vorsicht mit drei Thermometern gemessen – Wassertemperaturen von 40,5° Celsius gemessen.“ Solange das Bohrloch mit korrosionsgesicherten Rohren ausgelegt und ein erster längerer Pumpversuch erfolgreich durchgeführt wurde, wurde das Wasser eingehend analysiert. Das Ergebnis: Das warme Wasser kann als „Natrium-Hydrogenkarbonat-Therme“ eingestuft werden und ist von einer Qualität, über die sich so manches renommiertes Heilbad freuen würde. Der Geschäftsführer der Ermstal-Bohrgesellschaft, Eugen Rühle, ließ eilends eine große blaue Plastikwanne aufstellen, die mit dem warmen Wasser der Quelle gefüllt wurde. Zwar nahm das Wasser durch Oxydation der darin enthaltenen Spuren von Eisen schon nach kurzer Zeit eine rostbraune Farbe an. Aber das störte niemand. Und so plantschten bald Groß und Klein als die ersten Badegäste des späteren Thermal-Mineralbades in der Wanne, zwar ohne jeden Komfort, dafür aber gratis.

Zu wenig Kohledioxid für eine Kohlensäuremineraltherme

Derweil drehte sich der Meißel Tag und Nacht weiter, fraß sich unaufhaltsam in die Tiefe bis zu den Schichten des Stuben- und Kieselsandsteins, rund 555 Meter unter Gelände. Hier wurde der Bohrmeißel erneut angehalten. Der zweite Quellhorizont war erreicht. Erste Messungen und Analysen erbrachten, dass zwar die Temperatur des Wassers nicht zugenommen hat, wohl aber die Mineralisation sowie der Anteil an Kohlendioxid. Letzteres allerdings nicht ausreichend, um das Wasser als Kohlensäuremineraltherme zu bezeichnen. Da die Geologen die größte Wasserschüttung, die stärkste Mineralisation und vor allem eine hohe Wassertemperatur in einem noch tieferliegenden dritten Quellhorizont vermuteten, wurde, bevor man weiter bohrte, auch dieser Quellhorizont verschlossen. Man wollte ja das Wasser aus dem dritten Quellhorizont unvermischt fördern.

Dieser entscheidende Quellhorizont wurde, wie bereits erwähnt, vor 50 Jahren in den Gesteinsschichten des Oberen Muschelkalks und des Lettenkeupers angestoßen. Damit war in einer Tiefe von 769,5 Metern auch die Endteufe erreicht, unterhalb der die Experten keine größeren Thermalwassermengen mehr erwarteten.

Temperatur von 60° Celsius

Eine erste vorläufige Wasseranalyse erbrachte beste Ergebnisse: Das 60° Celsius heiße Wasser aus der Gesteinsschicht des Oberen Muschelkalks wies eine Mineralisation von 5.616 mg/l und einen Kohlensäurengehalt von 1.330 mg/l auf. Damit besaß die „Ermstal-Bohrgesellschaft“ eine der wärmsten und von der Mineralisation her stärksten Quellen des Bäderlandes Baden-Württemberg.

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Meter tief musste gebohrt werden, um auf Mineralwasser in der erhofften Qualität zu stoßen. Es bildet bis heute die Grundlage für den Kurbetrieb in Bad Urach.