Kriegsversehrte, Männer mit schwarzer Augenklappe oder einer Hand aus Leder sind aus dem Stadtbild längst verschwunden. Während der Jahre und Jahrzehnte nach dem Krieg sah man sie oft. Ungelenk humpelten sie ihrer Wege, manche steckten die leere Hülle ihres Ärmels in die Außentasche des Jacketts. Die mit der Augenklappe lüfteten ihr Geheimnis zum Erschaudern ihrer Gäste bei Familienfeiern oder erschraken damit kleine Kinder. Dabei waren das noch die harmloseren Verletzungen, solche, die zwar logischerweise niemand haben möchte, die aber vergleichsweise wenig verstörend wirkten auf die Umgebung. Anders sah es nach den Weltkriegen in diversen Spezialkliniken für Gesichtsverletzungen aus. Mancher eigentlich gesunde Veteran verbrachte den Rest seines Lebens hinter Klinikmauern, abgeschottet von fremden Blicken. Weil ihm ein Granatsplitter das halbe Gesicht weggerissen hat oder die Nase oder den Kiefer. Damals gab es erste, freilich ernüchternde, Bemühungen in der plastischen Chirurgie. Heute ist die Medizin einige Schritte weiter und kann den meisten Patienten ein Leben in Würde zurückgeben.

In Afrika braucht es oft keine Kugeln und Bomben. Teilweise harmlose, aber unbehandelte Erkrankungen, Wucherungen oder Deformationen der Beine oder Arme können das Leben eines Menschen zerstören. Kinder mit körperlichen Beeinträchtigungen werden von ihrer Familie verstoßen und finden sich mit anderen Ausgestoßenen in einem Leben auf der Straße wieder. Deren schier unmenschliches Leid zu lindern, hat sich die Metzingerin Bettina Knuff zur Aufgabe gemacht. Seit Jahren reist sie immer wieder mal für Wochen oder Monate nach Afrika, wo sie auf dem Schiff Africa Mercy anheuert. Es ist ein Hospitalschiff der christlichen Hilfsorganisation Mercy Ships: „Das mache ich für die Patienten“, sagt die 40-jährige OP-Schwester, „aber auch für mich.“

Es war im Jahr 2001. Ihr Bruder starb bei einem Autounfall, seine schwangere Frau überlebte schwer verletzt. Das Kind allerdings kam später mit einer Körperbehinderung zur Welt. „Die Ärzte haben alles getan, um meinem Neffen zu helfen“, erinnert sie sich an die schlimme Zeit. Jetzt kann ihr Neffe ein nahezu normales Leben führen. Andere aber werden nicht überschüttet mit den Segnungen der modernen Medizin. Man muss nur genau hinschauen. Nach Afrika beispielsweise: „Out of stock“ ist in afrikanischen Krankenhäusern eine der gebräuchlichsten Redewendungen: „Haben wir nicht mehr.“ Das gilt für Medizin im Allgemeinen und für Schmerztabletten ohnehin. Das gilt für Transfusionen, für Verbandszeug, für Instrumente. Und für Ärzte sowie Krankenhauspersonal. Deswegen hat Bettina Knuff ihren Job als Kinderkrankenschwester in Reutlingen gekündigt, 2006, als ihr Neffe aus dem Gröbsten raus war. Sie wollte in die Welt und helfen, wo die Not am größten ist. Sie ging für ein Jahr nach Uganda. Sie ging nach Tansania, nach Afghanistan, nach Äthiopien, in den Togo. Sie war zwei Mal in Guinea, ein Mal in Kongo-Brazzaville, ein Mal in Kamerun. Inzwischen arbeitet sie auch in Deutschland wieder als OP-Schwester. Als sie 2007 das Vorstellungsgespräch hatte, knüpfte sie ihre Zusage aber an eine Bedingung: „Ich komme, aber nur, wenn ich für meine Reisen unbezahlten Urlaub bekomme.“ Der Chef hat zugesagt.

Seit 2012 verbringt sie ihren Urlaub auf der Africa Mercy. Wie alle 450 Crew-Mitglieder bezahlt sie für ihren Platz an Bord, auch wenn sie dort ja eigentlich nicht entspannt. 2000 Euro kostet ein Monat Arbeit für sie. Das Geld besorgt ihr die Brüdergemeinde in Metzingen. „Ohne diese Hilfe wäre mein Engagement nicht möglich“, sagt Bettina Knuff.

In vielen afrikanischen Staaten haben Kranke und Behinderte keine Chance. Das trifft insbesondere Kinder, die die Ablehnung der Eltern trifft wie eine Keule, und das Urvertrauen in Vater und Mutter zertrümmert. Vielfach ist es Aberglaube. Wer durch eine Geschwulst entstellt ist, gilt als verhext. Die Gesellschaft meidet solche Menschen. Simon beispielsweise war Schneider mit einem eigenen gut gehenden Geschäft. Dann wuchs ihm im Nacken eine Fettgeschwulst. So groß wie sein Kopf. Als er es nicht mehr verbergen konnte, blieben die Kunden aus. „In Deutschland“, sagt die OP-Schwester, „wäre das ein kleiner Eingriff gewesen gleich im Anfangsstadium.“ Nicht der Rede wert. Aber in Ländern ohne medizinische Versorgung sterben Kinder an Gaumenspalten. Sie selbst hat Kinder sterben sehen, denen ein Luftröhrenschnitt das Leben gerettet hätte. Aber das notwendige Instrument war „out of Stock“. Sie hat drei Kinder sterben sehen, die von Malariakrämpfen geschüttelt mit dem Tod rangen. Das lebensrettende Medikament: nicht verfügbar. An dem Tag, da alle starben, „bin ich nach Hause gegangen und habe so geweint.“

Die Africa Mercy indes kennt keinen Mangel. Sie ist ein schwimmendes Krankenhaus, fährt von Küste zu Küste, arbeitet mit den Regierungen zusammen und bleibt immer zehn Monate vor Ort und bildet heimische Ärzte weiter. „Da geht es um Grundwissen über Hygiene und Wiederbelebung.“ Die Menschen kommen aus weiten Teilen des Landes. Sie vertrauen den OP-Teams. Und sie freuen sich, dass sie dort wieder Menschen sein dürfen. Dass sie berührt und in den Arm genommen werden. Plötzlich wirkt der Zauber nicht mehr, sie sind nicht mehr ausgestoßen. Und am Ende sogar befreit. Von Deformationen, Geschwüren und Bakterien, die ihren Körper allein deswegen zerfressen, weil ihr Immunsystem vom Leben auf der Straße geschwächt ist. Diesen Menschen zu helfen, empfindet Bettina Knuff als unheimlich motivierend. „Ja, Leute“, antwortet sie auf die Frage, warum sie sich das antut. „Ich komme zurück, ich bin glücklich. Was wollt Ihr mehr?“

Doch einen Traum hat sie noch. Sie möchte ein Kinderkrankenhaus bauen. In Burkina Faso. Am wenigsten von allen sollten Kinder leiden müssen. Kinder muss man beschützen.