Glems Tuckernde Stars

Hans-Jürgen Decker hat das Geburtstagsgeschenk an sich selbst seiner Sonja gewidmet.
Hans-Jürgen Decker hat das Geburtstagsgeschenk an sich selbst seiner Sonja gewidmet. © Foto: Angela Steidle
Glems / ANGELA STEIDLE 09.05.2016
Das neunte Einachsertreffen mit Holder-Schleppern am Obstbaumuseum Glems glänzte mit tuckernden Raritäten. Ein Anblick, der auch Laien begeistert.

Das mausgraue Nachkriesgsmodell mit der Vorkriegstechnik von FAWI (Fahrzeugbau Widmann aus Waiblingen) und seinem Zehn-PS-wassergekühlten Dieselmotor von Farymann war ein echter Hingucker des diesjährigen Deichselreiter-Treffens in Glems. Denn davon wurden lediglich 50 Stück gebaut. 20 davon befinden sich in Liebhaberhand. Einer ackert bei Hobbylandwirt Sebastian Schill aus Dettingen: "Mein Vater hat den vor 20 Jahren von der Wiese weg mit Moos belegt gekauft. Statt eines Unimogs. Ich sollte erst mal klein anfangen."

Das System ist zusammengebaut aus alten Militärfahrzeugen: Die Achse stammt vom Borgward-LKW, die Kupplung aus dem DKW-Motorrad. Wenn es bei den Schills heute zur Arbeit auf den halben Hektar Streuobstwiese geht, ist auch die nächste Generation mit Feuereifer dabei. Jakob (8) und Daniel (5) stecken die Köpfe unter der aufgeklappten Motorhaube zusammen, wann immer Vater und Opa in die Werkzeugkiste greifen.

Die großen Holder-Einachser haben heute noch den Beinamen "Leuteschinder", weil alle Lenkmanöver mit dem Körper nachvollzogen werden mussten, unter ständiger Motoren-Vibration. Trotzdem geht dem liebevollen Sammler nichts über eine Technik, "die so einfach ist, dass jeder durchblickt". Was für andere und inzwischen auch zunehmend für jüngere Hobbyschrauber gilt: Die unkaputtbaren Arbeitstiere - teils aus dem Sperrmüll gerettet - tun regelmäßig ihre Arbeit wie geschmiert. "Der steht das ganze Jahr über im Schopf. Man startet, fährt weg. Dann vergisst man ihn wieder", erklärt Hans-Jürgen Decker aus Walddorfhäslach zum Erbstück von seinem Großvater, das gleichzeitig ackern und mähen kann. Mit seinem Zweiachser-Holder-Bauernschlepper, Baujahr 1957 mit Zehn-PS-Sachs-Motor, hat er am frühen Morgen den Hänger mit einer weiteren Rarität über Schleichwege Richtung Glems manövriert: Ein Holder A 12, Baujahr 1958 mit zwölf PS und Geräte-Hydraulik.

"Der wird nächstes Jahr so alt wie der Fahrer: 60", erzählt Decker, "den habe ich mir zum Geburtstag gegönnt." Übers Internet ersteigert, "viel zu teuer", sagt der Holderfan, "entweder willsch's oder net". "Einer der ersten, die in den Weinberg gekräpselt sind", ergänzt ein Holder-Mitarbeiter. "Theoretisch kann der sogar Holz spalten", weiß ein interessierter Beobachter. Sobald das Allrad-Gefährt betriebsbereit ist, soll es im Wald auf Herz, Nieren und Vielseitigkeit getestet werden. "Ein Holder geht durch dick und dünn", zitiert ein Glemser Veteran, "da trifft der alte Werbespruch wieder zu." Besonders leicht sei es für Ungeübte, den Knicklenker mit doppelseitiger Werkzeug-Verankerung (zum Pflügen auf dem Rückweg) beim platzsparenden Wendemanöver aufs Kreuz zu legen. "Kommt vor", meinen die Spezialisten mit wissendem Kopfnicken.

Spekuliert wird in Glems weiter über die schillernde Figur des Motorenkonstrukteurs Christian Schaal, den der Metzinger Unternehmer Max Holder seinerzeit vom Waschmaschinenhersteller Zanker abgeworben haben soll. Die Holder-Patente wurden später an Sachs verkauft. Die einmalig schlaue Technik werde heute noch 1:1 von europäischen Herstellern kopiert. Das Traditionsunternehmen selbst hat nach wie vor seinen Sitz in Metzingen, mit knapp einem Fünftel der ursprünglichen Belegschaft für die Konstruktion und Montage der neuen Geräte-Generation.