Metzingen Therapeuten sehen sich am Limit

Mit Kreide haben die Therapeuten in der Region gegen die Missstände in ihrem Berufsstand protestiert.
Mit Kreide haben die Therapeuten in der Region gegen die Missstände in ihrem Berufsstand protestiert. © Foto: Mara Sander
Metzingen / Von Mara Sander 27.08.2018

Therapeuten arbeiten bereits am Limit und haben das am Samstag auch in Metzingen deutlich gemacht. Sie weisen auf großen Fachkräftemangel durch hohe Ausbildungskosten als Eigenleistung, veraltete Prüfungsgesetze und niedrige Honorare hin.

Patienten könnten ein Lied davon singen, wie schwierig es oft ist, im Krankheitsfall ohne lange Wartezeiten einen Termin bei Physio-, Ergo- oder Logotherapeuten für die ambulante Behandlung zu bekommen. Es gibt zu wenige Fachkräfte. Warum das so ist, und wie das geändert werden könnte, zeigten Angehörige dieser Heilberufe am Samstag auch bundesweit auf.

In Metzingen wählten sie dazu weder Protestmarsch noch Kundgebung. Und sie machten auch nicht lautstark auf sich aufmerksam, sondern schrieben, aufgeteilt in kleine Gruppen, an zentralen Stellen in der Stadt mit Kreide ihre Botschaft in drei Worten auf den Boden: „Therapeuten am Limit“.

Dieser Slogan bringt auf den Punkt, dass es nicht nur einen Pflegenotstand gibt, sondern, dass auch im Berufsstand der Sprach-, Physio- und Ergotherapeuten eine ähnliche Situation herrscht. Es fehlen Fachkräfte. Gründe dafür sind nicht mangelndes Interesse oder schlechtes Image des Berufes, im Gegenteil. Immer mehr junge Menschen würden diesen Ausbildungsweg gehen, müssten sie nicht die Kosten von bis zu 20 000 Euro selbst tragen, und würden sie danach besser bezahlt werden.

Das wiederum sei bedingt durch niedrige Honorare, die von den Krankenkassen für die vom Arzt verordneten Leistungen der Therapeuten bezahlt werden, wie Alexander Gross, Geschäftsführer der „Ermstal-Ergo“ mit Praxen in Metzingen und Dettingen, erklärt. Die Teilnehmer der Aktion am Samstag äußerten sich genauso und berichten von den Kosten ihrer dreijährigen Ausbildung, für die sie sich eine Akademisierung und damit einheitlichen Standard und Anerkennung wünschen.

Bisher erfolgt die Ausbildung vorwiegend an privaten Schulen, bei denen das Schulgeld durchaus monatlich zwischen etwa 300 bis 450 Euro beträgt. Für ein anschließendes Studium an einer Fachhochschule müsste noch einmal mit mehreren tausend Euro gerechnet werden. Fortbildungen müssen sie auf eigene Kosten im Urlaub machen. Ausnahmen gibt es meist nur für in Kliniken und Rehazentren angestellte Therapeuten.

Im ambulanten Praxisdienst liege der Verdienst im bundesweiten Durchschnitt bei etwa 2200 Euro brutto, Anfänger erhalten 1800 oder 1900 Euro, wie einige Teilnehmerinnen der freiwilligen Basisaktion, also nicht „von oben“ gelenkt, bestätigen.

Die Folgen davon sind im Alter entsprechend niedrige Renten. Die Arbeitszeiten erfordern vollen Einsatz jederzeit, denn jeder Patient benötigt volle Konzentration und ungeteilte Zuwendung. Therapien sollten nicht wie Fließbandarbeit erfolgen.

So wie es keine Pflege im Minutentakt geben dürfte, müssen insbesondere auch Therapeuten auf die Patienten eingehen können und sie nicht als „Fälle“ nach Zeitschema sondern individuell behandeln. Darum wünschen sich die Therapeuten auch sogenannte Blankoverordnungen seitens der Ärzte um flexibler und individueller als jetzt möglich auf die Bedürfnisse der Patienten einzugehen.

„Nach einem Schlaganfall zum Beispiel brauchen einige Patienten mehr und andere Anwendungen als andere im Anschluss an die Reha. Viele Handgriffe im Alltag müssen neu erlernt werden“, nennen Ergotherapeutinnen ein Beispiel.

Die Chancen auf einen Arbeitsplatz nach der Ausbildung sind sehr gut. „Bei uns  werden die  freien Stellen zu 100 Prozent besetzt“, so Stefanie Völler von der Berufsfachschule für Ergotherapie in Reutlingen. Umso wichtiger seien Verbesserungen der Gehälter und Rahmenbedingungen, um dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken.

Spahn verhandelt im September

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn wird Mitte September mit den Berufsverbänden sprechen, um möglicherweise einen entsprechenden Gesetzesentwurf im Herbst im Bundestag einzubringen.

Weitere Informationen zum Thema unter gibt es unter  www.therapeuten-am-limit de.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel