Metzingen Therapeuten schlagen Alarm

Metzingen / Regine Lotterer 23.08.2018

Therapeuten aus der ganzen Republik tragen am Samstag ihren Unmut auf die Straße. Auch in Metzingen wollen Angehörige verschiedener Heilmittelberufe protestieren: Sie haben dafür allerdings keine klassische Kundgebung organisiert, sondern ziehen mit Kreide ausgerüstet zu den zentralen Plätzen der Stadt. Dort schreiben sie drei Worte auf den Asphalt: Therapeuten am Limit. Der Slogan lässt erahnen, wie es um den Berufsstand der Sprach-, Physio- und Ergotherapeuten momentan bestellt ist. „An der Basis brodelt es schon lange“, sagt Alexander Gross. Er ist Geschäftsführer der „Ermstal-Ergo“, die in Metzingen und Dettingen mit einer Praxis vertreten ist. Zudem ist Gross im Bundesverband der Ergotherapeuten aktiv, sitzt unter anderem mit Vertretern der Krankenkassen am Tisch, wenn es beispielsweise um Honorarsätze oder Rahmenverträge geht. Dieses ehrenamtliche Engagement führt ihn auch mit Politikern zusammen, denen er versucht, die gesellschaftliche Bedeutung der Heilmittelberufe nahezubringen. Schließlich reduzieren sie mit ihrer Arbeit nicht zuletzt die Kosten, die im Pflegebereich anfallen.

Trotz dieser wichtigen Aufgabe droht der Berufsstand auszubluten, wenn sich nicht rasch etwas ändert, betont Alexander Gross. Die Probleme ähnelten dabei jenen, die aus dem Pflegebereich bekannt sind, unter anderem fehlt es am Nachwuchs: Allein bei den Ergotherapeuten ist die Zahl der Auszubildenden in den vergangenen Jahren um 24 Prozent zurückgegangen. Bei den Sprach- und Physiotherapeuten sieht es ähnlich aus. Zudem verlassen viele Fachkräfte ihren erlernten Beruf. Und von denen die bleiben, denkt die Hälfte daran, die Brocken hinzuwerfen, wie eine Studie der Hochschule Idstein belegt. Als Folge sind offene Stellen nicht mehr zeitnah zu besetzen, Patienten müssen also mitunter lange Wartezeiten in Kauf nehmen, bis ihnen geholfen werden kann.

Honorare anheben

Die Gründe für die Flucht aus den Heilmittelberufen liegen nicht selten in der schlechten Bezahlung. Wer in einer ambulanten Praxis angestellt ist, verdient, wenn er Vollzeit arbeitet, im bundesweiten Durchschnitt etwa 2200 Euro, erläutert Alexander Gross. Schuld an der prekären finanziellen Situation seien die zu niedrigen Honorare, die die Krankenkassen für die Leistungen der Therapeuten bezahlen, sagt Gross. Angestrebt werde deshalb eine Erhöhung um 30 Prozent im Westen und um 40 Prozent im Osten. Das reiche freilich in den meisten Praxen immer noch nicht aus, um die Gehälter ans Tarifniveau des öffentlichen Dienstes anzugleichen. Die Konsequenzen aus dieser Situation sind bitter: Sowohl Angestellte als auch Selbstständige, die eine Praxis betreiben, werden im Alter mit einer schmalen Rente zurechtkommen müssen.

Außerdem mussten die Therapeuten bereits für ihre Ausbildung tief ins Portemonnaie greifen: Zwischen 15 000 und 20 000 Euro sind notwendig, bis die Berufsanfänger ihren Abschluss in der Tasche haben. „Das ist extrem teuer“, sagt Alexander Gross, „vor allem, wenn man die Summe in Relation zum späteren Verdienst setzt.“ Deshalb müsse sich auf diesem Feld sofort etwas verändern, Schulgeld, so die Forderung der Therapeuten, dürfe künftig nicht mehr verlangt werden. Gleichzeitig gelte es, die Ausbildungsstandards zu verändern. Das heutige Regelwerk ist zwei Jahrzehnte alt: „Wir brauchen moderne Ansätze.“

Kritisch sehen die Therapeuten auch ihre Verankerung im arztzentrierten deutschen Gesundheitssystem. Alexander Gross wünscht sich jedenfalls einen Modellversuch, bei dem ermittelt wird, wie gut Blankoverordnungen funktionieren. Sie würden es den Therapeuten erlauben, flexibler und besser als bislang auf die Bedürfnisse der Patienten zu reagieren: „Wir könnten dann über die Art, die Häufigkeit und die Frequenz selbst entscheiden.“ Die Hoffnung, dass sich etwas ändert, haben die Therapeuten indessen noch nicht aufgegeben. Momentan sei viel in Bewegung geraten, betonen sie. Zumal Bundesgesundheitsminister Jens Spahn derzeit an einem entsprechenden Gesetzentwurf arbeite, dazu gebe es Mitte September auch ein Gespräch mit den Berufsverbänden in Berlin. Voraussichtlich im Herbst könnte der Entwurf dann im Bundestag diskutiert werden, in Kraft treten würde das Gesetz dann im kommenden Jahr.

Protestaktion am Samstag

In  mehr als 70 deutschen Städten beteiligen sich Angehörige verschiedener Heilmittelberufe am Samstag, 25. August, an einer Protestaktion. Auch in Metzingen gehen Therapeuten auf die Straße, Treffpunkt ist um 10 Uhr vor dem Bahnhof. Anschließend ziehen sie zu verschiedenen Plätzen in der Stadt, etwa an den Linden- und Kelternplatz, um mit Kreide #therapeutenamlimit auf die Straße zu schreiben. Sie wollen mit der Aktion auf die prekäre Lage ihres Berufsstandes aufmerksam machen. Weitere Informationen darüber gibt es auch auf der Internetseite www.therapeuten-am-limit de.

Die politische Botschaft der Heilmittelberufe kennt Gesundheitsminister Jens Spahn bereits. Der Frankfurter Physiotherapeut Heiko Schneider ist Ende Mai vom Main an die Spree geradelt, um Spahn 1000 Protestbriefe der Therapeuten zu überreichen. Ende Mai dieses Jahres sind in Köln mehrere tausend Therapeuten auf die Straße gegangen, um ihr Anliegen in die Öffentlichkeit zu tragen.

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