Wir haben schon einige Mal über jenen Taxifahrer berichtet, der Mitte September 2018 am späten Abend in seinem Fahrzeug vor dem Club Thing überfallen, geschlagen und ausgeraubt wurde. Am Montag musste er seine Geschichte nochmals erzählen. Einer der beiden Täter wurde gefasst und Anfang April vom Amtsgericht Reutlingen zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt. Dass sich Täter und Opfer nun wiedersahen, hat juristische Gründe. Die Verteidigerin des 21-jährigen Taxi-Räubers ging für ihren Mandanten in Berufung, weswegen der Fall im Landgericht nochmals verhandelt wurde.

Täter stammt aus Ecuador

Der Täter ist in Ecuador zur Welt gekommen, wo er in schwierigen Verhältnissen lebte. Der Vater war gewalttätig, weswegen die Familie zerbrach. Die Mutter suchte mit ihren zwei Söhnen ihr Glück in Deutschland. Vermutlich hat sie es nicht gefunden. Der ältere Sohn musste Deutschland wieder verlassen und sitzt wohl im Gefängnis.

Unbekannter Komplize

Der jüngere Sohn hat mit einem Komplizen in Metzingen jenen Taxifahrer überfallen, auf ihn eingeschlagen und noch nicht mal Beute gemacht. Stattdessen wurde ihm die dilettantische Ausführung des vermeintlichen Coups zum Verhängnis. Zwar bestellte er das Taxi mit unterdrückter Rufnummer, doch den ermittelnden Kripobeamten gelang es über den Telefonanbieter, die Nummer und dessen Besitzer ausfindig zu machen. Weil er am Tatort auch Finger- sowie Handabdrücke hinterließ und von seinem Opfer auf Fotos der Polizei identifiziert wurde, war der Fall schnell geklärt. Mehr als die Sache zuzugeben, blieb dem jungen Mann aus Ecuador gar nicht übrig.

Als er den Gerichtssaal betritt, beziehungsweise in Handschellen hereingeführt wird, sieht er nicht aus wie ein gefährlicher Mann. Er ist nicht groß, wirkt nicht kräftig, sieht nicht brutal aus. Seine Mimik ist wechselhaft. Mal angespannt, mal grinst er in die Richtung seiner Mutter, die auf einem Besucherstuhl sitzt. Sein Deutsch ist schlecht zu verstehen, aber einige Sätze bleiben haften: „Ich habe Mist gebaut“, sagt er. Und von seinen alten Kumpels möchte er nichts mehr wissen. Während des letzten Wortes, das bei Gericht dem Angeklagten gebührt, versagt ihm die Stimme. Er heult.

Angeklagter heult

Das klingt nach Neuanfang, den ihm das Gericht unter Vorsitz von Richter Armin Ernst auch ermöglicht. Die in erster Instanz verhängte Jugendstrafe wird auf zwei Jahre gekürzt und zur Bewährung ausgesetzt. Rechtsmittel wurden am Montag nicht angekündigt, sobald das Urteil also rechtskräftig ist, endet auch seine nun schon über ein Jahr währende Untersuchungshaft.

Ein Jahr Untersuchungshaft

Einige Zeit nach ihm tritt der Taxifahrer in den Zeugenstand. Er spricht ruhig und sachlich. Aber er leidet noch heute. Seit diesem Überfall ist er nicht mehr derselbe. Alle Versuche, wieder ins Taxi zu steigen, scheitern früher oder später. Er hat Angst vor der Nacht, vor Menschenansammlungen, vor Gesichtern, die ihm nicht geheuer sind.

Metzingen

Er kann nicht mehr wie früher am Bahnhof auf Fahrgäste warten, und er traut sich nicht mehr, sich anzuschnallen, wenn im Fahrzeugfonds jemand sitzt. Die Tagschichten wären besser, sind aber bei allen Kollegen beliebt. Kurzum: Wenn er nachts nicht fährt, verdient er nicht genug: „Davon kann ich nicht leben“, sagt er. Sein Strohhalm heißt derzeit Lastwagenführerschein. Das Arbeitsamt hat ihm einen Kurs finanziert. Das ist seine Perspektive. Das alte Leben jedenfalls ist vorbei.

Für drei Jahre unter Bewährung

Die Perspektive des Täters besteht zunächst darin, einer Abschiebung zu entgehen. Das gelingt, weil die Strafe nicht über zwei Jahre hinausgeht. Er möchte den Hauptschulabschluss nachholen, und sollte das nicht gelingen, das tun, was er auch sonst immer gemacht hat: jobben. Nun steht er für drei Jahre unter Bewährung, die ersten zwei Jahre unter der Aufsicht eines Bewährungshelfers. Dort muss er sich zweimal im Monat für einen Besprechungstermin melden. Zudem muss der Verurteilte 250 Arbeitsstunden ableisten im Rahmen des Projekts „Schwitzen statt Sitzen“. Der Erlös der Arbeitsstunden kommt dem Geschädigten über einen Ausgleichsfonds zu Gute. Außerdem muss der Verurteilte eine Ausbildung aufnehmen.

Bei seinem Opfer hat er sich entschuldigt. Der Taxifahrer goutiert das: „Das fand ich echt nett, das war gut.“ Aber an seiner Situation ändert das nichts. Zumal der zweite Täter bislang nicht ermittelt werden konnte. Das ist deswegen tragisch für den Taxifahrer, weil der andere ihm mit einer Softair-Pistole mehrmals brutal auf den Kopf schlug.

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