Reutlingen Strafe für die Großen

Peter Kiedaisch.
Peter Kiedaisch. © Foto: Thomas Kiehl
Von Peter Kiedaisch 24.09.2017

Kann man eine Koalition stärker abstrafen, als es die Wähler gestern getan haben? Kaum vorstellbar. Zwei Parteien, die AfD und die FDP, beide vor vier Jahren an der Fünfprozent-Hürde gescheitert, sind aus dem Stand dritte und vierte Kraft geworden und haben jetzt vier angriffslustige Jahre vor sich. Die AfD hat allerdings ein großes Ziel verfehlt: Stärkste Oppositionspartei wird nicht sie, sondern die SPD, die nicht mehr mitregieren möchte, und der es gut zu Gesicht steht, sich nach Jahren einer verwässerten Politik auch inhaltlich von der CDU zu distanzieren. Hätte man den Ausgang der Wahl so voraussehen können? In Teilen ja. Dass für den Wahlkreis Reutlingen Michael Donth (CDU) das Direktmandat holt, war klar. Wer allerdings gesehen hat, wie er umkreist von seinen Getreuen im Reutlinger Kolpinghaus in Erwartung der ersten Wahlprognose um 18 Uhr freudig zum Countdown anstimmte und dann sah, wie seine und die Gesichtszüge seiner Parteikollegen entgleisten, ahnt, dass die Umfragen vieles, aber eben längst nicht alles im Visier hatten. Pascal Kober (FDP) ist einer der großen Gewinner der Wahl. Er hat ein Comeback geschafft, das er freilich in großen Teilen einer abgewirtschafteten Großen Koalition zu verdanken hat.  Denn nicht nur die FDP im Wahlkreis Reutlingen hat Grund zum Feiern. Auch Beate Müller-Gemmeke (Bündnis 90/Die Grünen) und Jessica Tatti (Die Linken) haben den Einzug in den Bundestag geschafft. Ein Erfolg, der Wolfram Hirt trotz seines guten Ergebnisses verwehrt bleibt, sein Listenplatz war zu aussichtslos. Dass Rebecca Hummel (SPD) auch bei ihrem zweiten Anlauf scheitern würde, war vor der Wahl bereits absehbar. Es sind nicht die Tage der Sozialdemokratie, weder im Kreis noch im Bund. Vier Abgeordnete entsendet der Wahlkreis Reutlingen also nach Berlin, im angrenzenden Wahlkreis Nürtingen ist es ebenso. Auch dort hat die AfD als Protestpartei alles durcheinander gewirbelt, profitiert aber selbst nicht mit einem Mandat davon. Im Wahlkreis Nürtingen haben es Michael Hennrich (CDU), Renata Alt (FDP), Matthias Gastel (Grüne), aber auch ein alter Bekannter aus Reutlingen geschafft: Nils Schmid, der für die SPD vom Wahlkreis Nürtingen aus in den Bundestag einzieht. Auf ihn kommt die schwere Aufgabe zu, aus der SPD wieder eine Volkspartei zu machen.