Die Frage, in welcher Form die Stadt Metzingen den Opfern der NS-Herrschaft gedenkt, ist  geklärt. Der Gemeinderat hat sich am Mittwoch bei nur einer Enthaltung dafür entschieden, als sichtbare Form des Gedenkens an prominenter Stelle eine oder mehrere Stelen zu errichten. Es war eine emotionale, aber in der Sache harmonisch geführte Diskussion, der Oberbürgermeister Dr. Ulrich Fiedler eine traurige Nachricht voranstellte. Nur wenige Stunden vor Beginn der öffentlichen Sitzung erhielt er eine Mitteilung aus den Vereinigten Staaten. Ruth Herold, die Tochter eines ehemaligen Metzingers, der nach den Vorkommnissen während der Reichspogromnacht seine Heimatstadt verließ und später in die Staaten auswanderte, teilte Fiedler mit, dass ihr Vater 96-jährig verstorben sei (siehe nebenstehenden Nachruf). Eine Minute des stillen Gedenkens schloss sich dem an.

Die von Stadtarchivar Rolf Bidlingmaier ausgearbeitete Vorlage der Stadtverwaltung ließ den Räten die Wahl zwischen Stolpersteinen, einer Stele oder beidem.

Peter Rogosch, der für die FWV sprach, betonte, die Variante mit einer Stele oder einer Stelengruppe vorzuziehen. Grundsätzlich würden auch Stolpersteine diesem Zweck gerecht, doch diese gäbe es in vielen Kommunen, Metzingen aber möge für einen eigenen Weg stehen. Gleichzeitig kritisierte er einen wohl im Vorfeld der Sitzung an die Stadträte herangetragenen Hinweis der Verwaltung, ideologisch motivierte oder parteipolitische Debattenbeiträge zu vermeiden: „Eigene Gedanken zu formulieren hat weder mit Ideologie noch mit Parteipolitik zu tun, allenfalls mit kommunalpolitischem und historischem Einfühlungsvermögen und auch mit ästhetischem Empfinden.“ Der weitere Verlauf der Diskussion sollte ihm recht geben. Dr. Ursula Wilgenbus (FDP) indes vertrat eine andere Ansicht. Stolpersteine wirkten „wie Nadelstiche im Alltag“. Die Zeit jedenfalls sei reif dafür: „Wir sollten dem leiden der Andersdenkenden gedenken. Überall wird derzeit gezündelt, Menschenfänger sind unterwegs, die die Überlegenheit ihrer Völker kundtun.“

Freilich gibt es Gründe, warum sich die Ratsmehrheit gegen Stolpersteine aussprach. Für Peter Rogosch ist es die fehlende Individualität. Hingegen sei es in Metzingen bereits Tradition, „historische Botschaften und wichtige Informationen auf Stelen zu vermitteln,“, so Rogosch. Susanne Bernauer (Grüne) sprach sich namens ihrer Fraktion ebenfalls für die Stolpersteine aus. Durch sie würden die Opfer ihre Würde zurückerhalten: „Wer Persönlichkeit wahrnehmen will, muss von der Person etwas wissen“, betonte sie. Persönliche Infos aber sind nur durch Stolpersteine vermittelbar. Jürgen Fromhold (SPD) kann mit beiden Lösungen leben. Stelen auf dem Friedhof unter Einbeziehung Metzinger Künstler zur Würdigung anonymer Opfer und Stolpersteine, die sich auch für erlebbaren Geschichtsunterricht eignen.

Wie fruchtbar die Diskussion war, verdeutlichte Peter Rogosch, nachdem Holger Weiblen (CDU) gesprochen hatte: Die Rede des Kollegen „hat mich sehr berührt“. So viel inhaltliche Nähe ist auch in kommunalen Gremien nicht selbstverständlich.

Weiblen sprach sich für Stelen aus, „für Stolperstelen“. Damit brachte er einen neuen gedanken ein. Stolpersteine, das habe er im gespräch mit seiner jugendlichen Tochter erfahren, fallen heutzutage kaum mehr auf.

Und dass eine Stele auf dem Mühlwiesenfriedhof nicht unbedingt zum ort des Erinnerns wird, verdeutlichte zuvor bereits Ursula Wilgenbus: „Wer geht schon auf den Friedhof? Nur Metzinger.“ Weiblen schlug deswegen vor, die Stelen dort zu installieren, wo sie als Stolperstelen auch auffallen: „Im spannenden Scharnier zwischen Friedhof und Glamourwelt“, gegenüber McDonalds. Zudem, so Weiblen, gibt es triftige Gründe für Grundstücksbesitzer, warum sie vor ihrem Haus keine Stolpersteine wollen. Und wenn es nur der ist, nicht ständig daran erinnert zu werden, in einem Haus zu leben, dessen Bewohner schweres Leid zugefügt wurde.  Oberbürgermeister Fiedler, der sich für Stolpersteine und für Stelen  aussprach, brachte es auf den Punkt: „Egal, wie wir entscheiden, wir werden die richtige Entscheidung treffen.“

Angeregt hatte die Diskussion der Arbeitskreis Stadtgeschichte, der vor etwa eineinhalb Jahren bei der Stadtverwaltung einen Antrag gestellt hatte auf angemessene Würdigung des wohl prominentesten Metzinger NS-Opfers, Albert Fischer (wir haben darüber berichtet). Dass Stelen errichtet werden, ist nach dem Ratsbeschluss jetzt klar. Wo sie errichtet werden und wie sie aussehen, gilt es noch zu besprechen.