Spätlese: Schwarzweiß

NORBERT LEISTER 24.02.2016

Ist die Demenz nun wirklich so schlimm, wie man sie sich als junger oder mittelalter Mensch vorstellt? Wenn es rein um die Vergesslichkeit geht, kann sie ja durchaus auch ein Segen sein, wie ich gestern feststellte: Ich war mit einer 94-jährigen Tante in einem Restaurant im Schwarzwald. Während des Essens schaute sie immer wieder aus dem Fenster und rief alle zwei Minuten hell entzückt: "Jetzt guck au do naus, wie des schneit." Ich freute mich mit ihr, hatte allerdings ein wenig Bedenken, dass die Schwarzwaldstraßen vielleicht genauso schnell und genauso weiß werden könnten wie die Bäume. Dabei hatten sich auf der Hinfahrt in den düsteren Wald hinein alle Nadelbäume noch in traditionell dunklen Farben präsentiert, die Felder waren grau oder grün und es regnete. Auf der Rückfahrt stand hingegen an der Strecke zwischen Bad Liebenzell und Weil der Stadt der Wald in einer wunderbaren weißen Pracht. "Guck do no, wie schee des isch", sagte die Tante mit kindlicher Freude. Und die wirkte wahrlich ansteckend. Als wir schließlich zurück im Pflegeheim ankamen, antwortete ich auf die Frage, wo wir denn zum Essen waren: "Wir kommen gerade zurück aus dem Schwarzweißwald."