Spätlese: Lautsprecher

CHRISTINA HÖLZ 10.05.2016

Es gibt Leute, die übertönen einfach alles und jeden. Erstens, weil ihre Stimme der Alarmsirene jeder Großstadtfeuerwehr gefährlich nahe kommt. Und zweitens, weil sie ihre Worte in der Lautstärke einer discotauglichen Bassanlage in die Landschaft posaunen. Richtig schlimm wird's aber erst, wenn sich solche Brülltanten am Nebentisch im Restaurant niederlassen. Da wollen Eltern und Tochter in Ruhe zu Mittag essen, was angesichts des spärlich gefüllten Lokals auf den ersten Blick durchaus möglich scheint. Aber eben nur auf den ersten Blick. Denn kaum sitzen wir, hebt die Dame links ihre nicht eben zarte Stimme. In bester Marktschreier-Mentalität handelt sie vor ihrer Kollegin erst sämtliche "Geschwüre" ihrer Hauskatze ab, palavert dann penibel die Krankheiten aller Familienmitglieder durch ("ja, auch dem Onkel musste man den Bauch aufschneiden") und kommt schließlich auf die Wunder Jesu im Neuen Testament zu sprechen. Der Schallpegel geht ins Unendliche, am Nebentisch ist kein Gespräch mehr möglich. Betretenes Schweigen. Selten ist ein Züricher Geschnetzeltes mit einer so geschmacklosen Beilage serviert worden. Und dabei trägt der Koch noch am wenigsten Schuld.