Metzingen Sinfonische Medikation in feuriger Fülle

Metzingen / Von Susanne Eckstein 16.09.2018

Die Hilfsorganisation „German Doctors“ (früher: Ärzte für die Dritte Welt – German Doctors) hat engagierte Mitstreiter in der Region, die nicht nur ehrenamtlich medizinische Hilfe in Slums und Savannen leisten, sondern auch – beispielsweise – das Deutsche Ärzte-Orchester für Benefizkonzerte gewinnen. Dieses semiprofessionelle Orchester umfasst derzeit etwa 150 Musizierende aller Altersklassen aus ganz Deutschland und dem ganzen medizinischen Bereich und trat nun, umrahmt von Redebeiträgen (unter anderem von Metzingens OB Dr. Ulrich Fiedler), zugunsten von „German Doctors“ in Metzingen auf; zahlreiche Zuhörer füllten die Reihen.

Das Engagement der Mediziner an den Orchesterpulten gilt sowohl den Menschen wie der Musik: Unter der präzisen Leitung von Alexander Mottok präsentierten etwa 60 nebenberuflich Musizierende ein kontrastreiches Programm. Zum Auftakt stellte sich die Bläsersektion als gut besetztes Blasorchester (in erweiterter Harmoniebesetzung) mit einer „Harmoniemusik für 17 Bläser, Pauken und Bass“ nach W. A. Mozart von Rainer Schottstädt vor. Die Ouvertüre samt Auszügen aus der Oper „Don Giovanni“ wurde feierlich und präzise in satten Bläserklang umgesetzt, der Hörgenuss allerdings teilweise durch die hallige Akustik und das Übergewicht von Hörnern und Posaunen über die Holzbläser beeinträchtigt.

Um so überzeugender gelang die Interpretation des Konzerts für Orgel, Streicher und Kontrabass von Francis Poulenc: Dafür hatten sich die Streicher auf der Empore um Stephen Blaich an der Orgel geschart. Man sah zwar vom Kirchenschiff aus nur etwas, wenn man sich umdrehte, doch der Gesamtklang wirkte natürlich und direkt. Blaich und die Musiker des Ärzteorchesters trafen mit präzisem Schwung genau den teils frechen, teils andächtigen extravaganten Stil dieses Konzerts, die Streicher schufen einen beseelten Kontrast zu dem farbig registrierten, markanten Orgelklang und dem virtuosen Spiel von Blaich. „Sie dürfen extrem stolz sein auf Ihren Kantor“, lobte danach einer der Musiker.

Leidenschaftliche Musizierfreude prägte auch das Hauptstück des Abends: die Sinfonie d-Moll von César Franck, Meilenstein der französischen Spätromantik und in späteren Jahren für Poulenc und die „Groupe des Six“ Sinnbild der überwundenen romantischen Gegenposition. Für die große sinfonische Besetzung und dieses hierzulande viel zu selten aufgeführte Meisterwerk wäre eigentlich ein Konzertsaal angebracht gewesen; der Kirchenhall verschleierte manches Detail und verstärkte die kraftvollen Tutti-Stellen auch in diesem Fall zu unschönem Gellen.

Dennoch war stilbewusstes, sauberes und klangschönes Musizieren zu erleben: untergründige Spannung, lupenreine Bläsersoli und atemberaubende Steigerungen im ersten Satz, durchsichtig geschichteter, sanft wiegender Saitenklang im zweiten, zuletzt Ideenreichtum, Dichte und feurige Fülle im abschließenden dritten Satz, befeuert vom jugendlichen Schwung des Dirigenten, der mit sachlichem, präzisen Dirigat die Seinen sicher durch die komplexe Partitur leitete.

Dem durchaus lebhaften Applaus folgte ein anmutiges sinfonisches Abendlied als Zugabe und ein spontaner Hilfsaufruf der Ärzte: Aus den Philippinen war kurz zuvor eine Nachricht über einen zunächst drohenden schweren Taifun eingetroffen, die Spende am Ausgang war demnach umso nötiger.

Besucher spenden 4700 Euro

Die Konzertbesucher, die das Orchester am Schluss mit stehendem Applaus feierten, spendeten 4700 Euro.

Dieses Geld wird sicherlich schon in den nächsten Tagen auf den Philippinen benötigt, da dort derzeit wieder ein schrecklicher Taifun tobt. Jürgen Grosse, ein Mitarbeiter der German Doctors aus Bonn, nutzte eine kurze Pause, die wegen des Ortswechsels des Orchesters notwendig war, um von der kritischen Situation an Hand von aktuellen E-Mails der dortigen Einsatzärzte zu berichten.

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