Metzingen Senioren reisen ohne Koffer

Für die Urlauber ist vieles geboten: Auch der Kindergarten war schon zu Gast.
Für die Urlauber ist vieles geboten: Auch der Kindergarten war schon zu Gast. © Foto: Thomas Kiehl
Metzingen / Regine Lotterer 05.07.2018

Das Ferienparadies wirkt fast ein wenig aus der Zeit gefallen. Die Stadt mit ihrem Getriebe liegt ihm zu Füßen, der Verkehrslärm dringt allenfalls als fernes Murmeln an seine Pforten. Die alten Bäume, die das Gelände umstehen, sind schon von manchem Sturm durchgeschüttelt worden. Nun spenden sie 32 Urlaubsgästen Schatten, wenn die Herrschaften gemütlich im Liegestuhl sitzend ihre Mittagspause genießen. Womöglich wandern die Gedanken der Feriengäste dann zurück in jene Tage, als sie noch jung an Jahren sorgenfreie Sonntage im Metzinger Ferientagheim verbrachten. Jetzt, reich an Lebenserfahrung und grauen Haaren, sind sie als Urlauber zurückgekehrt. Zwei Wochen lang nehmen die Senioren auf der Anlage am Bongertwasen eine Auszeit vom Alltag. Manches auf dem Areal dürfte ihnen sofort bekannt vorgekommen sein, das Gebäude mit seinen Ziegelmauern sieht aus wie eh und je, auch die große Terrasse hat allen Stürmen der Zeit getrotzt.

Getragen wird die Seniorenfreizeit von der evangelischen Gesamtkirchengemeinde Metzingen, seit vier Jahren ist David Roth als Leiter verantwortlich für den Urlaub ohne Koffer. Vier Helfer unterstützen ihn bei seiner Arbeit, bei 32 Urlaubern ein recht kleines Team, das allerdings mit viel Herzblut bei der Sache ist, schließlich wollen sie den Senioren 14 unvergessliche Tage schenken.

Viele Urlauber haben die 80 überschritten, mitunter ist ihr Partner bereits gestorben, und die Kinder leben verstreut in allen Winkeln der Republik. Wer viele Stunden am Tag mit sich alleine ist, der genießt nun die Gemeinschaft, das Gespräch mit Menschen, die auf ähnliche Erfahrungen zurückblicken, auf Freud und Leid, Glück und Enttäuschung. „Auf den Schultern dieser Generation“, sagt David Roth, „ist unser Wohlstand gewachsen.“ Es sind Männer und Frauen, die ihr Leben lang hart gearbeitet haben, auf deren Wünsche und Bedürfnisse aber mitunter wenig Rücksicht genommen worden ist. Manch einer lerne während der Freizeit im Ferientagheim auf sein Leben zurückzublicken und zu sagen, Mensch ich habe etwas geleistet, sagt David Roth. Das gehört durchaus zum Konzept der Seniorenfreizeit. Die Gäste sollen sich ernst genommen und wertgeschätzt fühlen.

Dieses Jahr steht die Freizeit unter dem Motto „Einpacken – Auspacken“. Aus diesem Grund haben die Senioren am Montag sogar Weihnachten gefeiert, stilecht mit Baum, Deko und Kerzenschein. Auch Geschenke gab es selbstredend, Präsente, die dazu geeignet sind, die Erinnerung an die schöne Ferienzeit übers Jahr wach zu halten. Wer immer kann, der bucht rasch die nächste Urlaubsreise ins Ferientagheim, weiß David Roth. Entsprechend schnell sind die Plätze ausgebucht, in der Regel gibt es auch eine kleine Warteliste.

Jeder Urlaubstag beginnt um 8.30 Uhr, wenn die Senioren in Kleinbussen auf dem Bongertwasen ankommen. Dann gibt es ein Frühstück, anschließend eine Andacht, an der freilich niemand teilnehmen muss. Gymnastik gehört ebenfalls zum festen Programm: „Dabei wird immer viel gelacht“, berichtet David Roth. Auch gespielt wird viel. „Elfer raus“ oder „Rommé“ sind höchst beliebt, weil dafür Geschick und Verstand benötigt werden. In der ausgedehnten Mittagspause liefern sich manche Senioren mitunter heftige Duelle auf dem Spielbrett: „Gestern hat fast die Luft gebrannt“, erinnert sich David Roth, als sich zwei ebenbürtige Gegner beim „Damespiel“ gegenüber saßen.

Das Volksliedersingen zählt in jedem Jahr zu den Höhepunkten der Freizeit. Treuer Begleiter am Klavier ist Otto Heymann, der seit 1973 im Dienst der Kirche unterwegs ist. Wo gesungen wird, findet David Roth, lasse sich das Lächeln Gottes erspüren. Wiewohl es einige Liedtexte durchaus in sich haben, „da sind manchmal ganz schöne Filous unterwegs“, sagt er, während die Senioren verschmitzt grinsen. Wer acht Jahrzehnte auf dieser Welt unterwegs ist, der kennt die meisten Winkelzüge des Lebens. Deshalb bleibt auch viel Raum für Erinnerungen an eine Zeit, als Telefone noch Wählscheiben besaßen, als die Frau, die heute auf einen Rollator angewiesen ist, im weißen Brautkleid zum Altar schritt, und der ältere Herr, der nicht mehr so gut hört, ein junger, fescher Bursche war, der Bäume ausreißen konnte. War früher alles besser? Diese Frage treibt die Damen und Herren um. Die Antwort dürfte indessen nicht eindeutig ausfallen, zumal es ihnen in der Gegenwart durchaus gut geht. Im Ferienparadies unter einem alten Baum zu sitzen und das Dasein zu genießen, das hat schon was.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel