Neuffen / Von Christina Hölz      Dass Menschen mit vermehrtem Unterstützungsbedarf in betreuten Wohngemeinschaften zusammenleben, ist im Ermstal nichts Neues. Nun bietet die Bruderhaus-Diakonie auch im Kreis Esslingen vermehrt solche Modelle an.

Endlich ist Feierabend. Langsam füllt sich die Wohngruppe der Bruderhaus-Diakonie in der Neuffener Ortsmitte wieder mit Leben. Die meisten Männer und Frauen haben einen Arbeitstag in den Werkstätten für Behinderte hinter sich. Sie freuen sich nun auf die gemeinsame Kaffeerunde. Kathrin und Johannes (Namen geändert) decken den Tisch mit bunten Tassen, in der Mitte steht ein großer Teller mit Schokokeksen. Schon plappern alle munter durcheinander, tauschen sich aus über die Erlebnisse im Job.

Es ist einer der ersten warmen Frühlingstage; durch die große Glasfront scheint die Sonne in den Gemeinschaftsraum. Hier herrscht Wohlfühlatmosphäre, und im ersten Moment wähnen sich die Gäste in einer ganz normalen Wohngemeinschaft. Ist aber nicht so. Die Männer und Frauen, die um den Tisch sitzen, sind körperlich und geistig behindert. Sie leben zwar weitgehend selbstbestimmt und haben ihr Elternhaus hinter sich gelassen. Doch sie brauchen Hilfe. Ob beim Kochen, Duschen oder grundsätzlich beim Bewältigen des Alltags. In solchen Fällen sind die Mitarbeiter der Bruderhaus-Diakonie für die etwas andere WG da.

Im Jahr 2012 hatte der Reutlinger Sozialdienstleister das Projekt „Wohnen im Neuffener Tal“ (WINT) aufgebaut.

In drei hellen Wohnungen leben seitdem zehn bis zwölf Menschen mit Assistenzbedarf und Lernschwierigkeiten zusammen. Sie sollen mitten in der Esslinger Kreisgemeinde ihren Alltag möglichst eigenständig gestalten – und dabei von der Nähe zu Läden, Cafés und Freizeiteinrichtungen profitieren. Mit diesem Konzept forciert die Bruderhaus-Diakonie das Prinzip der Dezentralisierung und des weitgehend eigenständigen Lebens in Wohneinheiten.

Solche Wohnkonzepte für Menschen mit Handicaps sind nicht neu – und vor allem im Ermstal weit verbreitet. Dort unterhält der Reutlinger Sozialdienstleister etliche Wohngruppen für Menschen mit Handicaps.

Allein in Dettingen sind es drei. Zum Portfolio gehört etwa das WIM-Haus in Neuhausen und diverse Wohngemeinschaften in Bad Urach. Rund 60 Menschen betreut die Bruderhaus-Diakonie in ihren Einrichtungen im Ermstal. „Diese Wohnformen haben sich längst bewährt“, sagt Reiner Fritz, Bereichsleiter für die Unterstützungszentren Dettingen, Metzingen und Esslingen.

Apropos Esslingen: War die Bruderhaus-Diakonie mit ihren Angeboten bislang hauptsächlich im Landkreis Reutlingen vertreten, so „expandiert“ der Sozialdienstleister nun auch im Nachbarkreis. Das Haus in der Neuffener Ortsmitte ist der Anfang – jetzt werden auch in Wendlingen Wohngruppen für Menschen mit vermehrtem Unterstützungsbedarf geschaffen, so Reiner Fritz.

Neben dem Gemeindezentrum der dortigen Evangelischen Kirchengemeinde entsteht ein Neubau für 24 Menschen mit Behinderung, darunter auch eine Wohngemeinschaft für maximal acht Bewohner, die intensivere Betreuung brauchen.

Bewohner, die nicht in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung arbeiten können, besuchen tagsüber den Förder- und Betreuungsbereich im Haus, der für maximal zwölf Personen ausgelegt ist.

Die Bewohner der WG in Neuffen jedenfalls sind zufrieden mit  ihrer Wohnsituation. Einige unter ihnen haben vorher in größeren Einrichtungen gelebt – nun haben sie die Chance, wieder in ihrem Heimatlandkreis zu wohnen. Auch Hans, Kathrin und Johannes stammen ursprünglich aus Neuffener Nachbarorten. Sie kennen das Städtchen unter dem Albtrauf und genießen es, dort mal ein Eis zu essen, in die Kirche zu gehen oder in Vereinen aktiv zu sein. „Wir sind hier ein Teil der Stadt“, sagt Bereichtsleiter Reiner Fritz.

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