Schwäbisch Schwäbisch fördert Identität

Schule und Mundart passen und gehören, laut Bildungsplan des Landes Baden-Württemberg, auch zusammen. 
Schule und Mundart passen und gehören, laut Bildungsplan des Landes Baden-Württemberg, auch zusammen.  © Foto: Thomas Kiehl
Region / Anne Laaß 26.10.2016
Türkisch, Italienisch, Spanisch, das Sprachspektrum der Schüler hat sich verändert. Schwäbisch ist eins davon und soll die Identität festigen.

Die einzigartige Intonation macht Dialekte für viele Menschen lebendig, hinzu kommen Spracheigenheiten. Das gilt selbstverständlich auch fürs Schwäbische. In Baden-Württemberg sind zudem das Fränkische sowie das Alemannische beheimatet. Aber wie überlebt eine Mundart? Meist wird es innerhalb der Familie weitergegeben, von den Großeltern und Eltern auf die Kinder. Mundart ist somit eine der ersten Sprachen, in der Kinder reden. In der Schule wird auf Hochdeutsch Wert gelegt, das lässt vermuten, dass für Schwäbisch kein Platz ist. Aber weit gefehlt: „Natürlich ist der Dialekt ein Thema im Bildungsplan des Faches Deutsch“, erklärt Gudrun Bregenzer vom Regierungspräsidium Tübingen. Schwäbisch an Schulen ist also keine Seltenheit.

Naseweis und wunderfitzig

Es wird versucht, die „kindliche Entdeckerfreude für das gezielte Erforschen von Sprache“ zu nutzen, wie im Bildungsplan zu lesen ist. Die Schüler sollen nach und nach über ganz verschiedene Sprachkenntnisse verfügen, zu denen auch die Mundart zählt. Um das umzusetzen, sollen die Kleinsten lernen zwischen Hochdeutsch und beispielsweise Schwäbisch zu unterscheiden. Und wann genau es angebracht ist, Dialekt zu sprechen. Um das zu realisieren, gibt es verschiedene Ideen. Eine davon soll zeigen, „wie und zu welchen Gelegenheiten Dialekte aufgenommen und wertgeschätzt“ werden, heißt es in einem Denkanstoß des Bildungsplans.

Schüler könnten im Unterricht schwäbische Wörter mit dem Hochdeutschen verbinden, und erkennen welche Zusammenhänge bestehen. Außerdem sei es möglich, ihnen die Unterschiede zwischen den Sprachen zu verdeutlichen, in dem sie ähnliche Wörter und deren Herkunft vergleichen. Dabei helfen Mundartdichtungen und Volkslieder. Die Kinder lernen so beides kennen und akzeptieren. Diese Idee hatte auch der vor rund zehn Jahren ins Leben gerufene Mundart-Wettbewerb für Schulen.

2003 hat sich der Arbeitskreis aus der „Muettersproch-Gesellschaft“ und dem schwäbischen „mund.art“ Verein gegründet. Ziel ist es, Dialekte in den Schulen und im Unterricht zu fördern und damit die regionale Identität zu stärken. Zum einen geschieht das durch Veranstaltungen mit Mundartkünstlern. Schwäbische Autoren, Musiker, Interpreten, Kabarettisten und sogar Zauberer sind regelmäßig an Schulen zu Gast. Sie zeigen so, dass Dialekt kein Tabu ist. Ein Mundartkünstler ist der Biber-Experte und Autor Jürgen H. Riedel, „der zwar auf Hochdeutsch schreibt, aber in Schwäbisch liest“, wie Wolfgang Wulz, Pressesprecher des Arbeitskreises, erzählt. Außer bei den jeweiligen Veranstaltungen in den Schulen, gibt es seit 2008 einen speziellen Wettbewerb. 2016 war das Thema „Neugierig, also naseweis und wunderfitzig“, mit Mundart und Dialekt umgehen. Dem Arbeitskreis ist es wichtig, die verschiedenen Dialekte in die Schulen zu transportieren. Die Idee kommt an. Jährlich gibt es etwa 50 Veranstaltungen an den Schulen und im Rhythmus von drei Jahren den Wettbewerb „Mundart in der Schule“.

Was isch a Muggaseggele?

Mit verschiedenen Projekten können sich Schülergruppen bewerben, meist sind es Filmaufnahmen, sagt Wolfgang Wulz vom Arbeitskreis. Aber auch Musicals finden ihren Platz. Wie es in der Schwaben-Schule zugeht, erfuhr man im Beitrag der 5. Klasse des Goldberg-Gymnasiums Sindelfingen, die 2016 den ersten Preis zusammen mit den Viertklässlern der Gerhard-Jung-Schule Zell im Wiesental  erhielten. Das Filmprojekt: „Die Schwabenschule oder ‚Was isch a Muggaseggele?‘“, zeigt den Alltag an der Schule, beteiligt waren laut Angaben des Arbeitskreises 30 Schüler aus 15 Nationen. Einen Sonderpreis gab es zudem für Heidi Haaf und ihre Grundschüler aus Wendelsheim. Sie haben in einer Multimedia AG 100 Ideen für Schwäbisch im Unterricht gesammelt. Das Umsetzen von Mundartprojekten sieht Wolfgang Wulz als realistisch an, allerdings glaubt er nicht, dass es Schwäbisch als Unterrichtsfach geben wird. Der Druck auf die Schulen sei einfach zu groß. Für Wulz gehören Schwäbisch oder andere Dialekte eher in den Bereich „Orchideenfach“, etwas mit dem man sich gern befasst, das aber keine Pflicht ist.

Dem stimmt Jürgen Grund, Rektor der Schönbein-Realschule Metzingen, zu. „Ich selbst schwätze Schwäbisch“, erklärt er und betont, dass es im Unterricht nicht gepflegt wird. Man sei eher bestrebt möglichst Hochdeutsch zu reden. Für den Rektor gehören Dialekte und Muttersprachen zusammen und sind Teil der Identität. Grund macht deutlich, dass Dialekte wie Schwäbisch einer Muttersprache gleichkommen. „Bei uns gibt es viele Sprachen“, so der Realschulrektor, sei es nun Türkisch, Spanisch oder Italienisch, ein gemeinsamer Nenner ist da die Unterrichtssprache und die bleibt ganz klar Hochdeutsch. Dennoch ist es ihm wichtig, die Identität der Schüler zu bewahren. Daher fordert er das Schwäbische oder im Fall von Schülern mit Migrationshintergrund die Muttersprache zu behalten.

Schwäbisch ist Muttersprache

Dass die Kombination von Schwäbisch und Karriere funktioniert, zeigen die hiesigen Mundartkünstler und der Ministerpräsident. Winfried Kretschmann schwätzt Schwäbisch, wie er erst kürzlich bei seinem Vortrag „Dialekt in der Mitte der Gesellschaft“ unter Beweis stellte. „Schwabe ist, wer Schwäbisch schwätzt“, sagt der Pressesprecher des Arbeitskreises „Mundart in der Schule“, und merkt an, dass es nicht auf die Nationalität ankommt, sondern viel eher auf die Art zu reden. Er selbst ist bereits in einer Stuttgarter Schule unterwegs gewesen, in der die Schüler mit Migrationshintergrund nicht nur am Schwäbischen interessiert waren, sondern es auch gesprochen haben. Sprachen verbinden, ebenso wie Dialekt.

100

Ideen für Schwäbisch im Unterricht haben Grundschüler aus Wendelsheim in einer Multimedia-AG zusammengestellt. Die CD ist über den Arbeitskreis erhältlich.

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