Bleichstetten Schranke kommt vor Gericht

img_9632.jpg/Schrank, 1sp., MEEB6,
img_9632.jpg/Schrank, 1sp., MEEB6, © Foto: Archiv
Bleichstetten / SIMON WAGNER 25.06.2016
Kommende Woche soll über die Klage der Kächeles entschieden werden. Sie hoffen auf das Ende einer entwürdigenden Situation.

Die private Schranke, die Besuchern seit Anfang November vergangenen Jahres die Zufahrt in die Bleichstetter Rathausstraße und damit auch zu den Anwesen der Familie Kächele und Ernst Holder verwehrt, hat es zu einiger Berühmtheit gebracht. Kamerateams aus dem ganzen Bundesgebiet reisten nach St. Johann, um einen Nachbarschaftsstreit zu dokumentieren, der nun das Landgericht Tübingen beschäftigen wird.

Kommende Woche soll dort in einem Zivilprozess über die Klage von Dorothee Kächele und ihres Mannes Frank entschieden werden. Sie fordern ihre Nachbarn auf, den auf ihrem Privatgrund errichteten Schlagbaum abzubauen und ein uneingeschränktes Überfahrtrecht in die Bleichstetter Sackgasse zu gewähren. Ein Überfahrtrecht, das seit über 120 Jahren gängige Praxis war, wie Dorothee Kächele betont. Und eines, das im Servitutenbuch der Gemeinde, dem Vorläufer des Grundbuchs, festgehalten ist. Weil diese Passage aber nicht im heutigen Grundbuch steht, treffen sich die Parteien erneut vor Gericht. Zur Benutzung des Privatwegs forderten Kächeles Nachbarn eine Entschädigung und bekamen in zweiter Instanz Recht. Dem Oberlandesgericht reichte der Eintrag ins Servitutenbuch nicht aus, um die Benutzung des Wegs ohne Kompensation zu rechtfertigen. In den folgenden Vergleich willigen beide Streitparteien ein.

Diese Einwilligung ist der Grund, warum sich Dorothee Kächele nicht allzu viele Chancen ausrechnet. Sie hofft gleichwohl auf eine richterliche Entscheidung mit Fingerspitzengefühl. Klaglos hinnehmen will sie es jedenfalls nicht, dass sie und ihre Familie getrennt vom übrigen Dorf „wie in einer Geisterstadt“ leben müssen: „Wir kämpfen nicht nur für uns, sondern auch für alle, die zu uns kommen wollen.“ Nur sie als Anlieger besitzen Funker für die Schranke, alle anderen, ob Post, die Müllabfuhr, Freunde oder Verwandte, müssen ihr Auto vor der Schranke abstellen. Seit Februar ist nun ein Schlüssel angebracht, der Hilfskräften im Notfall den Zugang ermöglicht.

„Einfach traurig“ findet es Ernst Holder, so ins Abseits geschoben worden zu sein. Entwürdigend findet es seine Tochter. Zumindest moralische Unterstützung erhalten sie von der Dorfgemeinschaft. Witzbolde bauten an der Schranke ein „Grenzhäusle“ auf. „Das hat gut getan“, so Kächele über den Maischerz, den auch Ortsvorsteher Siegfried Unruh lobte.

Unterstützung, die sich die Anwohner auch von der Gemeindeverwaltung wünschen. Sehen sie doch bei ihr eine Mitschuld an der misslichen Situation. Als die Grundstückseigner 1994 eine Baulastenübernahmeerklärung unterzeichneten und der Gemeinde das Recht auf Zufahrt einräumten, sei von den Anwohnern nicht die Rede gewesen. Nun, da das Kind in den Brunnen gefallen ist, vermutet Dorothee Kächele, „interessiert sich die Gemeinde nicht.“

Den Vorwurf weißt Bürgermeister Florian Bauer allerdings von sich. Er hat Anfang des Jahres zum runden Tisch geladen. Das klärende Gespräch kam aber wegen der Absage der Schrankenbetreiber nicht zu Stande. Auch folgende Einzelgespräche blieben fruchtlos. Da es sich um eine rein privatrechtliche Angelegenheit handele, „sind wir nicht in der Lage aktiv zu werden“, betont er. Selbiges wird wohl auch das von der Gemeinde in Auftrag gegebene Rechtsgutachten aussagen. Es diene der eigenen, rechtlichen Standortbestimmung.

 Endgültige Klarheit wird nunmehr Richter am Landgericht Tübingen schaffen. Und ohne es zu wissen, wird er nächste Woche auch über das Schrankenfest entscheiden. Sollte die Schranke weiter bestand haben, dann will man wenigstens das Beste daraus machen. Den Humor wollen sich die Anwohner jedenfalls nicht auch noch nehmen lassen. Auch, wenn das immer schwieriger wird.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel