Es war eine historische Landtagswahl - die des Jahres 2011, aus der Winfried Kretschmann als erster grüner Ministerpräsident hervorging. In der CDU bezeichneten den Machtverlust damals viele als Betriebsunfall. Doch glaubt man den jüngsten Umfragen, könnte sich bei der Landtagswahl am 13. März die Sensation wiederholen. Grünen-Spitzenkandidat Kretschmann und seine Partei kratzen an den Werten der Union, teilweise liegen sie sogar minimal in Front. Kretschmann, der als Abgeordneter für den Wahlkreis 9 Nürtingen antritt, nimmt's gelassen. "Wir bleiben auf dem Teppich, auch wenn der Teppich fliegt", entgegnet er den Journalisten - wie schon vor fünf Jahren. Mit unserer Zeitung sprach der 67-Jährige auch darüber, ob er eine eventuelle zweite Amtszeit voll machen will.

SÜDWEST PRESSE: Herr Kretschmann, Sie haben ja erklärt, dass Sie den Kurs von Kanzlerin Angela Merkel in der Flüchtlingskrise für richtig erachten. Wie stehen Sie zur Haltung des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer? Und wie beurteilen Sie die Forderung des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer nach einer Obergrenze für Zuwanderer?

WINFRIED KRETSCHMANN: Die Situation im Land ist schwierig, natürlich. Und auch ich weiß nicht, ob wir es schaffen würden, in diesem Jahr noch mal so viele Flüchtlinge aufzunehmen wie 2015. Zumal ja auch bei denen, die schon hier sind, noch viel zu tun ist, bis sie alle ein vernünftiges Dach über dem Kopf haben und integriert sind. Aber eine Begrenzung der Flüchtlingszahl kriegen wir nur hin, wenn wir das vernünftig und im europäischen Rahmen machen. Schnellschüsse à la Horst Seehofer bringen da gar nichts. Geschlossene Grenzen wären eine ernsthafte Bedrohung für die Wirtschaft in Baden-Württemberg, übrigens auch für die in Bayern.

SÜDWEST PRESSE: Thema Verkehr: Straßenbau ist ein Thema der CDU, deren Spitzenkandidat Guido Wolf wirbt damit. Die Grünen haben in fünf Jahren viele Straßen gebaut, aber keine Schienen. Im S-Bahn-Verkehr herrscht immer noch Chaos. Müssen Sie Ihr grünes Profil wieder schärfen?

KRETSCHMANN: Wir machen auch als Grüne zunächst mal gute und sinnhafte Verkehrspolitik. Dazu gehört, dass neue Straßen gebaut werden. Dazu gehört aber auch, dass der immense Sanierungsstau bei den bestehenden Straßen abgebaut wird. Was die Schienen angeht, sind das eben dicke Bretter, die gebohrt werden und der Planungsvorlauf ist lang. Aber wir haben eine Einigung über die Trassenführung bei der Rheintalbahn, und das ist ein wirklich großer Erfolg. Außerdem gibt es endlich die Zusage, dass die Südbahn elektrifiziert wird. Das haben die Schwarzen jahrzehntelang vor sich hergeschoben und es ist astreine grüne Politik.

SÜDWEST PRESSE: Radwege gibt es nur wenige neue, bemängeln Ihre Kritiker.

KRETSCHMANN: Verkehrsminister Winfried Hermann hat vor wenigen Tagen ein Konzept vorgelegt, wie das Radwegenetz im Land noch in diesem Jahr ausgebaut und verbunden werden soll. 700 Kommunen sind dann durch 7000 Kilometer Radwege verbunden.

SÜDWEST PRESSE: Dauerbrenner acht- oder neunjähriges Gymnasium. Würden Sie weitere G-9-Gymnasien einführen?

KRETSCHMANN: Wir haben in dieser Legislaturperiode wichtige Reformen im Bildungsbereich auf den Weg gebracht. Die Einführung der Gemeinschaftsschule, die Stärkung der Realschulen, der Ausbau der Ganztagsschulen. Was die Gymnasien angeht, haben wir insgesamt 44 Modellschulen eingerichtet, an denen nun das Abitur wieder nach neun Jahren möglich ist. Unter anderem das Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium in Metzingen. Wir wollen jetzt den Modellversuch, der auf sieben Jahre angelegt ist, erst einmal abwarten. Zumal wir im neuen Bildungsplan nachgearbeitet und den Stoff in G 8 entspannt haben.

SÜDWEST PRESSE: CDU-Politiker plädieren ja teilweise dafür, dass Schulen und Schulträger selbst entscheiden, ob sie G 8 oder G 9 entweder einzeln oder parallel anbieten.

KRETSCHMANN: Nach den Reformen in den vergangenen fünf Jahren ist es in meinen Augen jetzt wichtig, wieder Ruhe ins System zu bringen. Und ich habe Zweifel, ob da der Plan der CDU, das von CDU-Kultusministerin Annette Schavan holterdipolter eingeführte G 8 jetzt wieder zu schleifen, der richtige Weg ist. Über die beruflichen Gymnasien und in der Gemeinschaftsschule können Schülerinnen und Schüler ja in neun Jahren zum Abitur kommen.

SÜDWEST PRESSE: Die Grünen als neue Baden-Württemberg-Partei: Würde das auch ohne den Ministerpräsidenten und Spitzenkandidaten Kretschmann funktionieren?

KRETSCHMANN. Schauen Sie zum Beispiel ins katholische Oberschwaben, wo grüne Landtagsabgeordnete den Menschen mittlerweile näher sind als schwarze. Schauen Sie in die Städte, wo es grüne Oberbürgermeister oder Mehrheiten in den Gemeinderäten gibt. Reden Sie mit Unternehmern in Baden-Württemberg, die mit grünen Ideen in die Zukunft gehen. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Grünen inzwischen im ganzen Land angekommen sind.

SÜDWEST PRESSE: Könnten Sie sich eine Ampel-Regierung vorstellen? Wie stehen Sie zu einer Koalition mit der CDU?

KRETSCHMANN: Dazu haben die anderen Farben der Ampel ja schon das ein oder andere gesagt, bei dem ich mir nicht ganz sicher bin, ob es zum Besten des Landes ist. Für mich und meine Partei gilt nach wie vor und mit Blick auf die Parteien, die heute im Landtag vertreten sind: Es gibt keine Ausschließeritis. Die aktuellen Umfragen allerdings zeigen, dass Grün-Rot unter grüner Führung realistisch ist, und von der Bevölkerung auch gewollt wird.

SÜDWEST PRESSE: Sollten Sie erneut zum Ministerpräsidenten gewählt werden: Wollen Sie eine ganze Periode im Amt bleiben?

KRETSCHMANN: Auf jeden Fall.

SÜDWEST PRESSE: Wie beurteilen Sie als Abgeordneter für den Wahlkreis Nürtingen das Wachsen der Outlets in Metzingen, auch mit Blick auf schwindende Kaufkraft in Nürtingen? Die Städte Reutlingen und Tübingen klagen ja gegen den Bescheid des Regierungspräsidiums, das einen neuen, großen Outlet-Standort genehmigt hat.

KRETSCHMANN: Das ist ein schwieriges Thema. Aber das Regierungspräsidium Tübingen ist nach seiner Prüfung zu der Überzeugung gekommen, dass sich die geplanten Erweiterungen an einen überregionalen und internationalen Kundenkreis richten und sie folglich keine Beeinträchtigung für den regionalen Einzelhandel bedeuten.

SÜDWEST PRESSE Das Biosphärengebiet Schwäbische Alb hat knapp 30 Mitglieder. Weitere Städte und Gemeinden, auch aus den Kreisen Esslingen und Reutlingen, haben Interesse an einer Mitgliedschaft begründet. Wie stehen Sie zu einer Erweiterung des Gebiets?

KRETSCHMANN: Ich kenne das Gebiet von meinen Wanderungen, und es freut mich, dass auch weitere Kommunen mitmachen wollen. Ich kann mir eine Erweiterung gut vorstellen. Dennoch muss man bei einer Ausweitung die Interessen aller berücksichtigen. Es ist wichtig, dass das in einem für alle transparenten Prozess erarbeitet wird.

SÜDWEST PRESSE: Hat die Biosphäre die Schwäbische Alb touristisch vorangebracht?

KRETSCHMANN: Dass das Biosphärengebiet schon in seiner heutigen Ausdehnung ein Erfolg ist, sieht man an den Besucherzahlen. Ich erfahre es aber auch im Gespräch mit den Menschen vor Ort, die stolz auf ihre Biosphäre sind.

SÜDWEST PRESSE: In etlichen kleineren Gemeinden, auch in Ihrem Wahlkreis, ist das schnelle Internet noch Zukunftsmusik. Wie wichtig ist der Ausbau der Breitbandnetze für Sie (in Regierungsverantwortung und als Abgeordneter)?

KRETSCHMANN: Ein modernes, flächendeckendes Glasfasernetz ist ein wichtiger Standortfaktor und damit die Basis für die Wirtschaft der Zukunft. Deshalb möchte ich seinen Ausbau weiter massiv vorantreiben und schnelles Internet noch schneller in die Fläche bringen. Meine grün-rote Koalition hat mit der Breitband-Offensive 4.0 die Mittel für den Ausbau von schnellem Internet auf 250 Millionen Euro bereits versechsfacht, ein eigenes Breitband-Kompetenzzentrum eingerichtet und neue Fördermöglichkeiten geschaffen. Damit unterstützt das Land jetzt schon Kommunen und Landkreise beim Breitbandausbau, wo der Markt versagt.

Winfried Kretschmann: Zur Person

Winfried Kretschmann wurde 1948 in Spaichingen geboren, ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Nach dem Studium in Hohenheim arbeitete er als Lehrer für Biologie, Chemie und Ethik.

Der Grünen-Spitzenkandidat macht seit mehr als 35 Jahren Politik. Er war schon Mitglied der ersten Grünen-Abgeordnetengruppe, die 1980 in den baden-württembergischen Landtag einzog. Im Jahr 2011 rückte er von der Opposition auf die Regierungsbank: Der 67-Jährige ist der erste von Bündnis 90/Die Grünen gestellte Ministerpräsident eines deutschen Bundeslandes und Präsident des Bundesrates.

SWP