Dettingen an der Erms Schneiden ist nötig, aber nur nicht zimperlich

Ein Obstbaum benötigt die richtige Pflege, vom ersten Tag an. Foto: Natalie Eckelt
Ein Obstbaum benötigt die richtige Pflege, vom ersten Tag an. Foto: Natalie Eckelt
NATALIE ECKELT 17.02.2014
Immer wieder informiert der Obst- und Gartenbauverein über die Pflege von Obstbäumen. Diesmal waren die ganz jungen Bäumchen an der Reihe.

Erst im November hat Roland Lieb auf seinem Gütle im Ochsensteigle einen Apfelbaum gepflanzt und schon ging es dem kleinen Bäumchen im Rahmen einer Schnittunterweisung am Samstagnachmittag an den Kragen. "Die Erziehung eines Baumes in den ersten sechs Jahren ist ganz entscheidend", erklärt der Vorsitzende des Obst- und Gartenbauvereins.

Der erste Merksatz, den er seinen rund zwanzig "Baumschülern" mit auf den Weg gab, hatte mit der Zahl der Leitäste zu tun, die von klein auf das Gerüst eines jeden Baumes bilden. "Kernobst lässt man drei Leitäste um den Mitteltrieb stehen, beim Steinobst vier", so Lieb. "Und zwar am besten so, dass sie von oben betrachtet, wie das Symbol einer großen deutschen Automarke aussehen", sagt er schmunzelnd.

Weiter sei es wichtig, dass die Leitäste nicht zu steil wachsen, weil sie sonst unter der Obstlast abbrechen. Optimal sei ein Winkel von 45 Grad. Um die Äste in die richtige Position zu bringen, kann man mit einem Gummiband oder aber einem Stück weichem Holz, wie Holunder oder Haselnuss, nachhelfen. Das durften die Teilnehmer gleich selbst ausprobieren, die zunächst zögerlich, dann aber doch beherzt zulangten. Schließlich durften sie sogar zur Schere greifen und die Leitäste unter der Anleitung des Fachmanns auf eine gemeinsame Ebene, die sogenannte Saftwaage, herunterschneiden.

Die Äste werden dabei immer oberhalb eines Auges abgeschnitten, das nach außen zeigt. Auch die Stammverlängerung, der Mitteltrieb, wird gut eine Scherenlänge über der Saftwaage abgeschnitten. Weitere Zweige, die oberhalb der Saftwaage wachsen, müssen zum Beispiel mithilfe eines Astfixes, einer Plastikklammer, waagrecht gebogen werden. Dadurch werde der Saftfluss in die Spitze gehemmt. Auf der Oberseite des waagrecht gebogenen Zweiges können sich dann Fruchttriebe bilden.

Am Ende ähnelt die Krone des kleinen Baumes von seiner Spitze bis zu den Enden der Leitäste einem Hausdach mit einem Winkel von 60 Grad rundherum. So bekommt der junge Baum einen optimalen Start ins Streuobstdasein. Dabei beginnt die Pflege sogar schon vor dem Pflanzen eines Baumes, nämlich mit dem Schneiden der Wurzeln, was der Fachmann an einem mitgebrachten Bäumchen kurzerhand vorführte. "Die meisten Nährstoffe werden über die feinen Fadenwurzeln aufgenommen, weshalb man die starken Wurzeln ein Stück abschneidet, sodass sich dort neue Fadenwurzeln bilden." Beim Pflanzen sollte man darauf achten, dass die Veredelung deutlich über der Grasnarbe ist. "Oft pflanzen die Leute ihre Bäume zu tief", weiß Lieb. Optimal sitze die Veredelung zehn bis 20 Zentimeter über dem Boden. Ist das Bäumchen gepflanzt, wird es in der Erde ein wenig hin und her gerüttelt, damit zwischen alle Wurzeln Erde rutscht. Eine Drahthose, ein Drahtgerüst um den Stamm, schützt das junge Bäumchen vor Wildverbiss. Aber auch die älteren Baum-Semester brauchen Pflege, wie der zehnjährige Sauerkirschbaum auf der Wiese des Vorsitzenden, den der Hagel vergangenes Jahr ganz schön mitgenommen hat. "Bei vielen Bäumen sind so viele Äste verletzt, dass nur noch der Stamm stehen würde, wenn man alle verwundeten Äste abschneidet." Deshalb empfiehlt Lieb einfach abzuwarten und die Selbstheilungskräfte des Baumes nicht zu unterschätzen. Generell gebe es bei der Sauerkirsche einige Besonderheiten. Zum Beispiel schneidet man sämtliche Äste an ihren Enden ein wenig an. "Damit sie in Fahrt kommen", so Lieb.

Lange Peitschentriebe, die keine Knospen haben, werden abgeschnitten, und der eine oder andere nach innen wachsenden Ast darf stehengelassen werden. Trotzdem lautet Liebs Devise: "Nur nicht zu zimperlich schneiden." Generell freue er sich, wenn er sehe, dass die Bäume im Ermstal geschnitten werden, selbst wenn das nicht immer ganz fachmännisch gemacht werde. "Es ist immer besser, es zu versuchen, als den Baum sich selbst zu überlassen", sagt er. Schließlich sei der Obstbaum eine Kulturpflanze, die Pflege brauche.

Anders als bei den kleinen Bäumchen besteht bei den großen natürlich immer die Gefahr, von der Leiter zu fallen, was leider jedes Jahr vorkomme. Deshalb empfiehlt Lieb, die Leiter anzubinden und lieber zweimal zu schauen, ob sie richtig steht. Dann darf die Schere geschwungen werden und das, wie die Schüler gelernt haben, nur nicht zu zimperlich.