Ein wenig mulmig ist Benjamin Schöllhammer dieser Tage schon zu Mute. Der Schäferlauf-Sonntag und damit der Tag, an dem er erstmals als Büttel verkleidet die Zittelstatt betritt, rückt näher.

Zuvor verkörperte Ottmar Todtenhaupt die Figur

Tausende Augenpaare werden auf ihn gerichtet sein und an seinen Lippen hängen, wenn er im blauen Gehrock, mit Mütze und umgehängtem Säbel die Schelle schwingt und zum großen Monolog über die Nachbarorte der ehemaligen Residenzstadt anhebt. „Ich denke am Besten gar nicht drüber nach“, sagt der 32-Jährige über die wohl wieder vollbesetzte Waldtribüne, der er in diesem Moment gegenüberstehen wird.

Dieser Schäferlauf ist der erste nach dem Ende einer Ära. 26 Mal in Folge verkörperte Ottmar Todtenhaupt die bekannte und beliebte Figur aus dem Festspiel „D’Schäferlies“, 2017 aber trat er im Alter von 71 Jahren ab und vermachte die Büttelschelle an die nachfolgende Generation. Bereits 2017 teilten sich Todtenhaupt und Schöllhammer die Auftritte in der Festhalle. Der in der Zittelstatt wurde indes zum emotionalen Abschied für den ewigen Büttel „Otti“. Ganz auf sich alleine gestellt, ist es nun an dem Wittlinger, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Ganz überraschend kam es derweil nicht dazu. „Die Rolle hatte mich schon immer interessiert“, sagt Schöllhammer, der als Teil des Festspiel-Ensembles seine Bereitschaft den Büttel zu geben, schon früh bekundete. Ohne es zuvor gewusst zu haben, geht für ihn damit jetzt ein Kindheitstraum in Erfüllung.

Seine Mutter berichtete ihm, dass für ihn bereits im Alter von etwa zehn Jahren feststand: „Wenn ich mal groß bin, will ich den Büttel machen.“ Als er schließlich danach gefragt wurde, musste er jedenfalls nicht lange überlegen.

Groß ist Benjamin Schöllhammer nun geworden, die Faszination und der Respekt vor der Rolle aber keineswegs kleiner. „Die Rolle zu spielen ist für mich eine Ehre“, sagt er. Bühnenerfahrung hat er dabei nicht nur beim Festspiel „D’Schäferlies“ gesammelt, sondern zehn Jahre lang auch bei der Theaterspielgruppe des Wittlinger Albvereins. Der im Vertrieb eines Photovoltaik-Großhändlers Beschäftigte steht überdies seit acht Jahren dem Akkordeonverein in Hülben vor. Im Rampenlicht zu stehen ist Benjamin Schöllhammer also nicht ganz fremd, gleichwohl steigt allmählich die Fieberkurve.

Säbel und Amtsschelle vom Vorgänger übernommen

Es ist eben kein Auftritt wie jeder andere, sondern „etwas Besonderes“. Aber: „Wenn ich die Uniform anziehe, lege ich den Benjamin ab und bin nur noch der Büttel.“ Man wachse in die Rolle hinein und identifiziert sich mit ihr, weiß er. Für ihn ist es die Rolle seines Lebens.

Die Uniform übrigens, die er sich überstreifen wird, ist ihm ganz neu auf den Leib geschneidert. Nur den Säbel und die rund 50 Jahre alte Amtsschelle hat er von seinem Vorgänger übernommen. Damit alles stilecht ist, hat er sich zudem, eigens für die Rolle, eine historische Brille anfertigen lassen. Die moderne, die er sonst im Alltag trägt, würde das Bild nur zerstören. Ob er die Sehhilfe aber am Sonntag aufsetzt und den tausenden Gästen mit voller Sehkraft ins Auge blicken will, lässt er momentan noch offen. Denn weniger als der Text macht ihm die Kulisse der Zittelstatt Sorgen. Morgens, wenn er den Text auf dem Weg zur Arbeit, wie schon seit zwei Jahren, immer wieder vor sich hersagt, hören jedenfalls bedeutend weniger Menschen zu.

Schäferlauf Bad Urach 2019 Ansturm auf Schäferlauf-Tickets

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Kurz vor seinem Auftritt am Sonntag, so hat er es sich vorgenommen, wird er deshalb die Ruhe suchen, in einen Tunnel abtauchen und ohne lange zu überlegen einfach loslegen. Dass er mit seiner Schimpftirade eine gewichtige Tradition des Schäferlaufs weitertragen wird, erfüllt ihn mit Stolz und Ehre. Kurz: „Das wird der schönste Tag in meinem Leben.

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