Metzingen Schäfer fürchten einen alten Feind

Metzingen / Regine Lotterer 23.12.2017

Hirten rangierten im alten Judäa weit unten auf der sozialen Leiter. Den Männern eilte der Ruf voraus, es mit gesellschaftlichen Konventionen nicht allzu genau zu nehmen, weswegen ihnen immer wieder Vorurteile entgegenschlugen. Dennoch oder wahrscheinlich gerade deshalb spielen sie in der Weihnachtsgeschichte, wie sie der Evangelist Lukas erzählt, eine tragende Rolle. Immerhin sind sie die ersten, die von der Geburt Christi erfahren. Gemeinsam besiegen sie ihre Angst vor den himmlischen Heerscharen und eilen mutig zur Krippe nach Bethlehem. Sie sind es auch, die ihren Mitbürgern von den Geschehnissen im Stall zu Bethlehem berichten. Ihre Botschaft freilich wird mit Skepsis aufgenommen: „Und alle, vor die es kam, wunderten sich der Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten.“ Von dieser Reaktion lassen sich die Männer indessen nicht irritieren. Sie glauben zuversichtlich an die frohe Botschaft und danken Gott für das Erlebte.

 Mut und Zuversicht zählen auch heute zu jenen Charakterzügen, die einen Schäfer auszeichnen, sagt Anette Wohlfarth, in Glems wohnende Geschäftsführerin des Landesschafzuchtverbandes. Wer sich für diesen Beruf entscheide, der sei mit ganzem Herzen bei der Sache und nehme dafür auch manche Entbehrung auf sich. Vor jenen, die den Widrigkeiten Stand halten, liege ein Leben in und mit der Natur, als Herren ihres Schicksals. Außerdem lerne ein Schäfer auf seinen Wanderungen viele Menschen kennen, die sein Leben bereicherten. Dennoch geht dem Berufsstand allmählich der Nachwuchs aus. In Baden-Württemberg sind derzeit noch um die 140 Berufsschäfer registriert, davon allein 30 im Landkreis Reutlingen. Dass sie hier gute Bedingungen finden, liegt nicht zuletzt am Biosphärengebiet und den großen Weideflächen auf  dem ehemaligen Münsinger Truppenübungsplatz, wie Anette Wohlfarth erklärt.

Als der Evangelist Lukas seine Weihnachtsgeschichte aufschrieb, sahen sich die Schäfer vielen Gefahren ausgesetzt, nicht zuletzt bedrohten Diebe und wilde Tiere ihre Existenz, wie die Bibel an verschiedenen Stellen berichtet. Den Herausforderungen sahen die Schäfer stets couragiert ins Auge: „Das sind eben Kämpfer“, sagt Anette Wohlfarth. Wiewohl manchen Schäfern derzeit langsam aber sicher der Mut sinkt und nicht wenige sogar ans Aufgeben denken. Sie sehen die Chance auf eine gedeihliche Zukunft schwinden, weil mit dem Wolf ein alter Widersacher zurückgekehrt ist. Im Herbst leuchteten deshalb Mahnfeuer im Land, um Bevölkerung und Politik auf die Situation aufmerksam zu machen. Zwar finden die Schäfer durchaus Gehör für ihr Anliegen, doch ihre Sorgen bleiben groß. Selbstredend wollen sie ihre Tiere davor schützen, von einem Raubtier gerissen zu werden. Doch der Verlust eines oder mehrerer Tiere sei nicht das Hauptproblem, sagt Anette Wohlfarth. Zumal dafür Entschädigungen fließen. Den Schäfern, sagt sie, fehle vor allem eine Versicherung, die sie vor den Folgen eines Wolfangriffs auf ihre Herde absichert: „Was passiert, wenn die Schafe auf die B 28 laufen und dort einen Unfall verursachen?“, fragt Wohlfarth. Momentan bleibt Versicherungen die Möglichkeit, entsprechende Schadensersatzzahlungen zu verweigern. „Wir brauchen deshalb eine Regelung, die das Risiko abdeckt.“  Noch müssen Schäfer im Fall der Fälle mit all ihrem Hab und Gut für die Folgen haften, was schlussendlich ihre Existenz bedroht: „Die Stimmung ist deshalb auf dem Nullpunkt.“

Die im Kampf gegen den Wolf immer wieder ins Feld geführten Herdenschutzhunde seien hingegen keine optimale Lösung, sagt Wohlfarth. Zumal sich diese nicht mit den Hütehunden vertrügen, weswegen die Tiere getrennt voneinander gehalten werden müssten. Noch streunen wohl nur wölfische Einzelgänger durchs Land, zwei verschiedene Exemplare konnten inzwischen in Baden-Württemberg nachgewiesen werden. Vermutlich sind diese Tiere auf der Suche nach einem Rudel: „Sie sind allerdings nur die Vorboten.“ Über kurz oder lang würden sich die Wölfe ganz sicher im Land ansiedeln: „Das sind unheimlich gute Beobachter, die sich schnell anpassen können.“ Ob es für die Tiere indessen genug Platz in der hiesigen Kulturlandschaft gebe, sagt Anette Wohlfarth, bleibe eine für sie offene Frage.

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