Tübingen Saisonstart am Tübinger Landestheater

"HeadFeedHands": Neuer Zirkus, Tanz und Theater im LTT. Foto: Kathrin Kipp
"HeadFeedHands": Neuer Zirkus, Tanz und Theater im LTT. Foto: Kathrin Kipp
Tübingen / KATHRIN KIPP 24.09.2012
Das LTT begann die Saison mit einem Theaterfest samt "Gastmahl". Als Augenschmaus zeigte "HeadFeedHands", die "Kompagnie für Neuen Zirkus, Tanz und Theater", ihre Performance "Alle vier Minuten".

Die Truppe "HeadFeedHands" ist eine freie Gruppe mit Tänzern und Artisten aus Köln, Freiburg und Bayern. Für ihr "Vier-Minuten"-Stück haben sie sich das australische Regie- und Choreographie-Team Gavin Webber und Kate Harman vom Stadttheater Freiburg ausgeliehen. "Alle vier Minuten" ist eine Kooperation mit dem Landestheater, wo geprobt wurde, wo die Premiere stattfand und von wo aus es in die große weite Welt der Festivals geht - wenns gut läuft.

Retro ist chic, deshalb stellt sich die Truppe einen "Photoautomaten" auf die Bühne, mit dem man früher mehr oder weniger hochwertige (Ausweis-)Porträts herstellen konnte - in vier Minuten. Und die - vorzugsweise in Bahnhöfen - auch für allerlei Unsinn und Spaßfotos missbraucht wurden.

Eine Blackbox, in der normale, skurrile, monstermäßige, überbelichtete und lustige, aber vielleicht auch traurige Augenblicke für die papierne Ewigkeit festgehalten wurden. In eine solche Situation auf einem (Psycho-)Bahnhof phantasiert sich auch die Kompagnie "HeadFeedHands" hinein, mit entsprechenden Geräuschen und Objekten, die genauso ein Eigenleben entwickeln wie der flackernde und blitzende "Photoautomat".

Dinge geraten eben in Bewegung, wenn Kunst ins Spiel kommt. Mit allen erdenklichen Mitteln - Tanz, Schauspiel, Akrobatik, Pantomime, Artistik, Sprache - und mit viel Energie und Kraft lässt die Truppe einen surrealen Bilderbogen enstehen: Shortcuts, in denen es um die Relativität der Wahrnehmung, der Realität, der Beziehungen, des Menschseins geht. Und um nicht immer ganz alltägliche Begegnungen im öffentlichen Raum. Um die Jagd nach dem Glück. Um Machtkämpfe. Um Zwänge. Um Gruppenkonstellationen.

Das Stück spielt mit Klischees, Erfahrungen und Rhythmen des Alltags, zerstört sie, baut sie wieder neu auf. Immer wieder kommt es zu Überraschungen und komischen, aber auch langweiligen Momenten. Manches wird zugespitzt, manches passiert zum Selbstzweck: Zeigen, was man kann.

Dann wieder geht es klassisch tanztheatralisch um die Kompliziertheit menschlicher Beziehungen - Nähe, Distanz, das ewige Hin und Her. Und die Darsteller krabbeln und wälzen sich auf dem Boden, werfen sich durch die Gegend, kämpfen mit den Sitzbänken um ihren Platz in der Welt und spielen "Reise nach Jerusalem" und "Bäumchen wechsle dich" für Akrobaten.

Die Darsteller entfalten dabei lustig bizarre Charaktere: Tim Behren als sportiver Kettenraucher ist ein Zündler und wie besessen von einem echt zähen Über-Ich, das ihm ziemlich real im Nacken sitzt. Abschütteln geht nicht. Florian Patschovsky spielt einen handyphilen Geschäftsmann, der andererseits als epileptischer Gummimann versucht, eine Haltung zu finden. Marion Dieterle wiederum sucht als Verwandlungskünstlerin und multiple Persönlichkeit ihren Traumprinzen. Emmeran Heringer ist als unauffälliger Typ im Overall ein Angstneurotiker - seine Realität ist ein Haifischbecken, aus dem er sich nur noch auf den Photoautomaten retten kann. Zeigt die Truppe Akrobatik, gibts prompt Szenenapplaus.

Günter Klingler spielt den verklemmten Büroangestellten, der von allen gemobbt wird. Und so entstehen immer wieder allerlei absurde und artistische Situationen, der Lautsprecherdurchsager gibt seinen Senf dazu.

Am Ende kommts zum Amoklauf. Warum eigentlich? fragt man sich noch, aber manchmal versteht man vom Leben eben auch nur noch Bahnhof.

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