Freundschaft Rockerherzen berührt

Feierten gemeinsam beim Sommerfest (von links): Manuela Hartung mit Maren und Tobias Schreier. Im Vordergrund sitzt der 14-jährige Toni Hartung in seinem Rollstuhl.
Feierten gemeinsam beim Sommerfest (von links): Manuela Hartung mit Maren und Tobias Schreier. Im Vordergrund sitzt der 14-jährige Toni Hartung in seinem Rollstuhl. © Foto: Privat
ALEXANDER THOMYS 03.09.2016
Der Bikerverein "Back to the roots" sieht sich vor allem als Familie an. Seit kurzem hat sie mit Toni ein neues Mitglied - die Rocker helfen dem schwerbehinderten Jungen.

Die folgende, wahre Geschichte handelt von einigen ungewöhnlichen Menschen: Von Toni, einem schwerbehinderten Jungen aus Laucha/Unstrut in Sachsen Anhalt, und von den Rockern des Clubs „Back to the roots“, dessen Vorsitzender und Gründer Tobias Schreier in Grabenstetten lebt und der kürzlich mit seinen Motorradfreunden das vereinseigene Sommerfest bei Zainingen feierte.

Für den an einer spastischen Lähmung leidenden Toni ist das Internet seine Tür zur Welt. Über seine Facebook-Seite bot er Gummienten zur Versteigerung an zugunsten des sozialen Vereins „Bewegen mit Herz“. Die Enten, welche der 14-Jährige einmal gesammelt hatte, gingen stets für wenige Euro an ihre neuen Besitzer. Das sah auch Tobias Schreier. Prompt ersteigerte der passionierte Motorradfahrer selbst eine Ente und nahm Kontakt mit der Familie im fernen Sachsen auf. Und lud Toni mit seiner alleinerziehenden Mutter Manuela Hartung zum Sommerfest nach Zainingen ein.

Die Biker bereiteten Toni nach der rund 500 Kilometer langen Anreise einen spektakulären Empfang, wie Mutter Manuela Hartung beschreibt. „Wir kamen mittags in Römerstein an einen Waldrand an, es war gleich ein so herzlicher Empfang, dass schon da Tränen flossen“, schreibt die 50-Jährige. „Es waren wildfremde Leute die uns so warmherzig empfangen haben – wir fühlten uns sofort wohl.“

Und auch die Rocker waren schwer angetan von der ersten Begegnung mit Toni. Prompt wurde der Junge zum Ehrenmitglied ernannt – samt eigener Kutte. Eine extra gestaltete Infowand informierte alle Clubmitglieder über die Leidensgeschichte des 14-Jährigen, die Tobias Schreier kurz und knapp zusammenfasst: „Er hat in seinem kurzen Leben schon ganz viel durchgemacht und kaum staatliche Hilfe bekommen“, so der 40-jährige Familienvater. Deshalb stellten die Rocker eine „Taschengeldkasse“ auf, noch bevor Toni auf einem Trike an der Ausfahrt teilnehmen konnte.

„Toni war unheimlich aufgeregt und glücklich, er hat seinen Fahrer auf der ganzen Fahrt den Helm getätschelt“, berichtet Schreier schmunzelnd. Mit seiner positiven Art berührte der Teenager die Rockerherzen. „Wir waren an diesem Tag alle nah am Wasser gebaut und selbst der stärkste Rocker musste sich unter der Sonnenbrille so manche Träne wegwischen“, verrät Schreier.

Später am Abend versteigerte Tobias Schreier dann die Gummiente, die er zuvor von Toni gekauft hatte, nochmals – dieses Mal zugunsten Tonis. Sage und schreibe 125 Euro wurden geboten, die der Verein am Ende auf 200 Euro aufrundete. In der „Taschengeldkasse“ fanden sich später noch 300 Euro Spenden. „Ich traute mich gar nicht mehr das Geld zu zählen und war völlig sprachlos“, berichtet Manuela Hartung. „Das ist so hammermäßig Spitze – ich war sprachlos was diese lieben netten Menschen für mein Sohn Toni taten. Dieses Menschliche gegenüber Toni war so herzlich – keiner aber auch keiner hatte Berührungsängste.“

Am Ende des Sommerfestes war Toni dann völlig erschöpft, aber glücklich. „Er sagte ,darf ich jetzt schlafen, ich bin so kaputt´“, erzählt seine Mutter. Und ergänzt lachend: „Das kommt nur sehr, sehr selten vor bei Toni.“

Auch Tobias Schreier war am Ende glücklich – schließlich war die Einladung an Toni und seine Familie auch für den Rockerclub ein kleines Wagnis – das Sommerfest musste eigens barrierefrei vorbereitet werden, außerdem war lange Zeit nicht klar, ob Toni die gemeinsame Ausfahrt meistern würde. „Sein Lächeln hat aber für alle Strapazen entschädigt“, erzählt der Haustechniker aus einer Uracher Kurklinik.

Schreier gründete mit einigen Gleichgesinnten die Gruppe „Back to the roots“, im vergangenen Jahr fand in Böhringen das erste Sommerfest statt. Inzwischen hat die Gruppe etwa 40 Mitglieder, derzeit laufen die Vorbereitung zur eigentlichen offiziellen Vereinsgründung. „Back to the roots“ ist übersetzt das Leitmotto der Rocker: Zurück zu den Wurzeln.

„Ich vermisse die Zeit, als jedes Dorf noch seinen Klub hatte und es nicht bloß ums Geschäft ging“, blickt Schreier auf die heute von wenigen großen Rockerklubs geprägte Szene. Im Mittelpunkt steht für ihn der Zusammenhalt unter den Mitgliedern. „Wir sind eine Familie“, betont Schreier, der mit seinem Klub aber auch weniger traditionelle Wege gehen will – so können etwa auch Frauen Mitglieder bei „Back to the roots“ werden, selbst ein Motorrad zu besitzen ist keine Pflicht.

„Frauen können heutzutage auch Kampfhubschrauber fliegen, warum sollten sie da nicht Mitglied werden können“, stellt Schreier klar. Von der „alleinerziehenden Mutter bis zum Rentner“ sei in seiner Gruppe jeder der sich der Rockerszene verbunden fühlt willkommen und auch bereits vertreten. „Bei uns gibt es keine Gewalt und keine Drogen – wir sind alle Väter, Brüder und Opas – bei unserem Sommerfest spielen die Kinder auf der Wiese und stehen im Mittelpunkt“, so Schreier weiter. „Auch wenn viele Menschen in Rockern mit Kutte gleich Kriminelle sieht.“

Probleme hat Schreier nur mit der „Staatsmacht“. Der Rocker ärgert sich über häufige Polizeikontrollen. „Da reicht das Klublogo auf dem Auto“, beschwert sich Schreier. Er sagt aber auch: „Rocker folgen ein Stück weit ihren eigenen Regeln.“ Mit anderen Rockern gäbe es keine Probleme. „Manche belächeln uns, aber das legt sich nach einem Gespräch“, sagt Schreier. In Konkurrenz zu Rockerclubs sieht er „Bttr“ ohnehin nicht: „Bei uns können auch Mitglieder anderer Clubs mitmachen.“

Wohnung gesucht

Manuela Hartung und ihrem Sohn hat es in Zainingen so gut gefallen, dass die Familie nun tatsächlich aus Sachsen ins Schwäbische ziehen will. „Wir waren so beeindruckt von der Landschaft, den Menschen, dass wir uns entschieden haben, in diese ländliche Gegend zu ziehen, da wir eh einen Umzug vorhatten“, so Hartung. Hintergrund ist, dass die Münsinger Gustav-Heinemann-Schule für den 14-Jährigen gut geeignet wäre. Sie suchen nun eine Wohnung oder ein Haus mit rund 80 Quadratmetern für fünf Personen. „Von Vorteil wäre ein Zweifamilienhaus, da mein großer Sohn mit seiner Familie mitziehen möchte. Ihn brauche ich zur Unterstützung bei Toni.“ Wer eine möglichst barrierefreie Wohnung anbieten kann, sollte sich direkt an Manuela Hartung unter (01 72) 35 95 24 8 wenden.