Für die meisten Exkursionsteilnehmer war das diesjährige Zielgebiet das Gegenteil  des vorjährigen. Damals wurde buchstäblich ein weißer Fleck auf der Landkarte entdeckt, und jetzt gab es ein Wiedersehen mit Berg und Tal, Stadt und Land des mit Natur- und Kunstschätzen reich gesegneten Landes mitten in den Alpen.

Traditionell war es auch heuer die Woche nach dem Pfingstsonntag, in der die Exkursion durchgeführt wurde.

Aber nicht gerade traditionell war es, dass Dr. Fritz Kemmler der „neue“ Leiter der Reise, wenige Tage vor Exkursionsbeginn gleich für den Anreisetag eine neue Route wählen musste: Der eigentlich vorgesehene Reschenpass als Übergang in den Vinschgau war gesperrt, sodass der Brenner genommen werden musste, von dem aus es bis Naturns ging, wo in dem kleinen romanischen St.-Prokulus-Kirchlein vorkarolingische Fresken vor rund 90 Jahren wieder entdeckt und freigelegt worden waren.

Flügelaltar der Spätgotik

In Lana bei Meran beherbergt die gotische Pfarrkirche Mariae Himmelfahrt den von Hans Schnatterbeck aus Kastanienholz geschnitzten  vierzehn Meter hohen Flügelaltar, der als eines der schönsten Werke der Südtiroler Spätgotik gilt. Und dann ging die Omnibusfahrt zurück ins Eisacktal und weiter ins Pustertal, wo zum guten Schluss eines langen Tags am Fuße der Hochalpengruppe Niederolang mit dem Standortquartier erreicht wurde.

Der zweite Tag wurde zuerst der alten Bischofstadt Brixen gewidmet, wo der Dom verbunden mit einem kleinen Orgelkonzert und dem berühmten Kreuzgang mit seinem Freskenzyklus vorgestellt wurde. Ein teilweise wolkenverhangener Himmel geleitete die Gruppe am Pragser Wildsee am Fuß der riesigen Wand des Seekofels. Eine Erinnerungstafel am Hotel nennt die 139 Geiseln von Adolf Hitler, die Major Wichard von Alvensleben mit Soldaten der Wehrmacht die in Niederdorf untergebrachten Häftlinge aus der SS-Haft befreite und sie ins Hotel Pragser Wildsee verbringen ließ, wo sie bis zur Befreiung durch die US-Armee geschützt verbleiben konnten.

Den Abschluss des Programms an diesem Tag bildete der Besuch des Römermuseums in St. Lorenzen, einer alten städtischen Siedlung bei Bruneck.

Die Südtiroler Landeshauptstadt Bozen hat mit Gries einen sehr tirolerisch/deutsch geprägten Vorort mit einer alten Pfarrkirche, in der Michael Pacher einen prachtvollen Flügelaltar errichtet hat, der in der Barockzeit einem Hochaltar weichen musste, aber als Altar in einer Seitenkapelle glücklich restauriert worden ist und heute der schönste Schatz dieser Kirche ist.

Vom alten Bauern- und Winzerdorf Gries ist es nur einen Fußmarsch zur Bozener Altstadt. Aber er ist durch die italienische Baupolitik total verfremdet und führt über den „Siegesplatz“ und am „Siegesdenkmal“ vorbei – Dokumente neofaschistischer Gesinnung vieler nach Bozen eingewanderter Italiener. Nach Bozen gab es bei herrlichem Wetter mit dem Weinort Tramin und den berühmten Fresken in der Bergkapelle St. Jakob in Kastelaz einen weiteren Höhepunkt, dem sich eine Kellereibesichtigung der modernsten Genossenschaftskellerei mit Weinprobe anschloss. Die Rückfahrt ins Pustertal war durch die weitläufigen Rebenhänge im Überetsch und im Eisacktal bei abendlichem Sonnenschein ein Erlebnis ohnegleichen.

Freilich folgte ein absolutes Muss für jeden kunsthistorisch interessierten Besucher Südtirols: die Stiftskirche in Innichen und damit der bedeutsamste romanische Kirchenbau von ganz Tirol. Im Inneren überzeugt eine ehrfurchtsgebietende Kreuzigungsgruppe mit einem triumphierenden Christus; ebenso sind die Fresken in der Kuppel der Vierung mehr als nur einen Blick wert. Was danach kam, gehört mit zum Beklemmendsten, was die praktische Militärgeschichte zu bieten hat. Die Teilnehmer an der Exkursion haben alle noch den Kalten Krieg zwischen 1948 und 1989 in Erinnerung. Was sie nicht wussten, war das von der NATO damals geschaffene Bunkersystem, das beispielsweise im Pustertal viele hundert Soldaten gegen einen russischen Einmarsch von Osten geopfert hätte. Der Gang durch einen jetzt als Museum dienenden Bunker machte das Unfassbare sichtbar. Da war es nur gut, dass mittelalterliche Verteidigungsanlagen schon viel weiter vom Heute entfernt sind. Der anstrengende Weg von Sand in Taufers hinauf zur Burg Taufers hat sich mehr als gelohnt. Die bestens erhaltene Burganlage bietet in zahlreichen Räumen und Gemächern ein eindrucksvolles Bild von Wohnverhältnissen in einer alten Burganlage, die vor allem auch jahrhundertelang ein wichtiger Gerichtssitz gewesen war und natürlich auch Folterkammer und Burgverliese beherbergt hatte.

Rückfahrt durch die Fugger-Stadt

Die Fahrt zurück wurde gleich vormittags durch einen Besuch Sterzings unterbrochen. Die durch Bergbau im Ridnauntal und durch den Nord-Südverkehr reich gewordene „Fugger“-Stadt bildet mit ihrer zentralen Straßenführung durch Alt- und Neustadt (letztere aus dem 16. Jahrhundert), dem von den Fuggern errichteten Rathaus und zahlreichen Erkern an den Bürgerhäusern das Musterexemplar einer vom Mittelalter geprägten wohlhabenden Stadt. Dazu kommen noch in der alten Spitalkirche zahlreiche Fresken, deren Besichtigung durch schlechte Lichtverhältnisse leidet.

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Jahre ist es jetzt her, dass in dem kleinen romanischen St-Prokulus-Kirchlein vorkarolingische Fresken wieder entdeckt und freigelegt worden waren.