Wenn jemand von seiner ganz persönlichen Stunde Null sprechen kann, dann ist das Natalie Henkel. Gut vier Jahre liegt das Ganze jetzt zurück, ein sonniger Morgen wie viele in diesem Sommer. Die damals 30-Jährige ist mit ihrem Motorrad in Richtung Allgäu unterwegs. Bei Blaubeuren passiert es dann. In einer Kurve liegt Rollsplitt auf der Straße, die junge Frau rutscht mit ihrer Maschine weg und knallt gegen die Leitplanke.

Nicht mehr ohne Rollstuhl

Was dann geschehen ist, haben wir in den vergangen Jahren immer wieder berichtet. Seit 2017 begleitet die SÜDWEST PRESSE Natalie Henkel. Genau genommen dokumentieren wir die Anstrengungen, mit denen die junge Dettingerin nach einem besseren Leben strebt.

Vor allem: nach einem selbstständigen, beweglicheren Alltag. Denn seit ihrem schweren Unfall kommt die heute 34-jährige Betriebswirtin nicht mehr ohne Rollstuhl aus. Und hätte sie den Ärzten nach ihrer ersten Diagnose vertraut, dann würde Natalie Henkel vielleicht bis heute noch nicht aufstehen. Noch nicht einmal am Rollator gehen können.

Aber sie ist eine Kämpferin, die junge Frau mit den brünetten Locken. Eher scheu wirkt sie dabei bei unserem ersten Treffen vor fast drei Jahren. Sie ist verzweifelt, weil die Ärzte ihr gesagt haben, dass sie nie wieder laufen wird. Ein Urteil, das Natalie Henkel nicht akzeptieren kann, erzählt sie unter Tränen. Wenigstens stehen können will sie wieder.

Spenden ermöglichen Reha-Aufenthalt

So richtig glauben mag das zunächst keiner, der Natalies Geschichte hört. Kompletter Querschnitt – so stand es damals auf den Entlasspapieren der Klinik. Aber gut eineinhalb Jahre später, nach zig kräftezehrenden Trainingseinheiten und einem teuren spendenfinanzierten Reha-Aufenthalt in einer Pforzheimer Spezialklinik, hat die Dettingerin ihr erstes Ziel erreicht: Im Herbst vergangenen Jahres berichtet unsere Zeitung über die ersten 23 Schritte, die Natalie Henkel auf dem Laufband in einer Konstanzer Klinik bewältigt.

Mit Gehhilfen und Rollator

Und seitdem geht es weiter vorwärts mit der Beweglichkeit der jungen Frau: „Meine Muskeln lassen sich immer besser ansteuern“, erzählt die 34-Jährige und lacht vor Freude. In ihrer Wohnung ist Natalie inzwischen fast nur noch ohne Rollstuhl unterwegs. Mit Gehhilfen und Rollator wird sie immer sicherer – Training und Therapien schienen sich auszuzahlen.

Das hat Natalie Henkel inzwischen sogar schwarz auf weiß. Vergangene Woche ließ sich die begeisterte Sportlerin in einem Querschnittzentrum in Nürnberg erneut untersuchen. Und das Urteil der Ärzte lässt sie hoffen: Die Mediziner sprechen wohl mittlerweile nicht mehr von einer kompletten Lähmung, wenn es um die Gesundheitszustand der 34-Jährigen geht. In den Beinen bestehen „Restfunktionen an Sensibilität“, erklärt die Dettingerin, die jedoch relativiert: „Noch ist das wenig, aber mein Körper nimmt das Training an.“

Zurück zu einem selbstbestimmten Leben

Und nicht nur körperlich, auch psychisch hat sich für die hübsche Brünette einiges verändert. Verzagt und mutlos, wie noch dem Unfall, wirkt sie heute kaum mehr. Kein Wunder, denn die Betriebswirtin ist wieder auf dem Weg zu einem selbstbestimmteren Leben. Zuhause in der Buchhalde kann sie die Treppen inzwischen mit Hilfe eines jüngst eingebauten Aufzugs bewältigen – früher trug sie ihr Vater regelmäßig umher. Natalie Henkel fährt selbst Auto, tritt bald eine neue Arbeitsstelle an. Und auch ihren ersten längeren Urlaub seit dem Tag X hat sie sich gegönnt. Gemeinsam mit einem Freund, der ebenfalls im Rollstuhl sitzt, reiste sie in die Türkei.

Natalie hat wieder Freude am Leben. Vor allem hat die ehrgeizige Mittdreißigerin Ziele: „Kommendes Jahr möchte ich zuhause ganz vom Rollator wegkommen.“

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Fall Natalie: Viele haben gespendet


Das Schicksal der querschnittgelähmten Natalie Henkel hat die Menschen in der Region bewegt. Viele SÜDWEST PRESSE-Leser haben gespendet, damit sich Natalie Henkel den gut 60 000 Euro teuren Therapieplatz leisten konnte. Auch die Dettinger EBK-Mönche, die Bürgerstiftung sowie das Reutlinger Fitness-Studio, in dem die Dettingerin trainiert, und andere Einrichtungen sammelten Geld für junge Frau.