Reutlingen Pferdehof-Betreiber vor Gericht

Anzeige wurde erst ein Jahr später erstattet.
Anzeige wurde erst ein Jahr später erstattet. © Foto: XXX
Reutlingen / Von Nicole Wieden 05.11.2018

Am Montag wurde am Amtsgericht Reutlingen der Prozess gegen den Betreiber eines Pferdehofs aus der Region aufgenommen. Dem gebürtigen Ermstäler wird die Vergewaltigung einer Minderjährigen vorgeworfen. Die Tat soll sich im Oktober 2016 in der Scheune seines Hofes ereignet haben.

Da der Angeklagte eine Aussage bislang verweigert, wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit zunächst die heute 18-Jährige angehört. Das Gericht hat außerdem zehn Zeugen geladen, wobei am ersten Verhandlungstag lediglich die Eltern der Geschädigten sowie eine Beamtin der Kriminalpolizei Reutlingen befragt wurden.

Nach Aussage der Eltern hat die Familie der damals 16-Jährigen im Sommer desselben Jahres eine Stute gekauft. Weil die Tochter zunächst etwas Schwierigkeiten im Umgang mit dem Tier hatte, wurde es am besagten Pferdehof des Beschuldigten untergebracht. Gemeinsam mit einer dort angestellten Reitlehrerin wurde das Tier über die Sommerferien hinweg vier Wochen lang trainiert.

Die sichtbaren Erfolge haben die Schülerin dazu bewogen, das Pferd auch weiterhin dort unterzubringen. Um die Kosten zu decken, hat das Mädchen von September an auf Anregung des Angeklagten sowohl unter der Woche nach der Schule als auch ganztägig am Wochenende auf dem Hof ausgeholfen und die Boxen ausgemistet. Aufgrund der Sorge, das Mädchen könnte seine schulischen Pflichten vernachlässigen und auch, weil der Hof von ihrem Zuhause weit entfernt ist, waren die Eltern diesem Vorschlag zunächst abgeneigt: „Aber sie wollte unbedingt in den Stall“, erklärte die Mutter. Sie haben ihrem großen Traum, möglicherweise auch beruflich mit Pferden zu arbeiten, nicht im Wege stehen wollen.

Bereits im darauf folgenden Monat soll der heute 46-Jährige die Schülerin nach einer Reitstunde aufgefordert haben, ihm in die Scheune zu folgen. Dort habe er sie ohne Umschweife bedrängt. Obwohl sie sich unter anderem mit Schlägen gewehrt haben soll, sei es dem Betreiber des Hofes gelungen, den ungeschützten Geschlechtsverkehr zu erzwingen. Im Anschluss habe er ihr das Versprechen abgerungen, über die Tat zu Schweigen.

Tatsächlich erfuhren die Eltern erst vier Wochen später von der Vergewaltigung, weil sich das Mädchen einer Freundin anvertraut hatte: Diese habe sie überredet, einem Lehrer von der Tat zu berichten. Nachdem dieser die Eltern informiert hatte, wurde das Pferd mit Hilfe der Reitlehrerin vom Hof abgeholt und noch am selben Tag eine schriftliche Kündigung mit dem Vorwurf des sexuellen Übergriffes übermittelt. Die Reitlehrerin, die im Vorfeld selbst eine Liebesbeziehung zu dem Betreiber des Hofes gepflegt hatte, wurde als einzige auf dem Hof ins Vertrauen gezogen.

Dennoch war das Mädchen erst ein Jahr später bereit, Anzeige zu erstatten: „Sie hatte Angst um ihr Pferd und auch, dass ihr niemand glauben würde“, erklärte die Beamtin der Kriminalpolizei, vor welcher das Mädchen ausgesagt hatte. Darüber hinaus mache sich die Schülerin Vorwürfe, sich nicht ausreichend gewehrt zu haben. Das Gericht ist nun vor allem deshalb auf möglichst viele Zeugenaussagen angewiesen, weil sich die Tat vor zwei Jahren ereignete und die Spurensicherung darüber hinaus durch den Umstand erschwert wurde, dass die Scheune in der Zwischenzeit einen Umbau hinter sich hat.

Der Angeklagte wirkte während der gesamten Verhandlung gefasst und zeigte kaum eine Regung. Die junge Frau hingegen war sichtlich aufgelöst; ihre Anhörung im Beisein einer Prozessbegleiterin erforderte mehr als eineinhalb Stunden. Die Mutter ist überzeugt, dass ihre Tochter die Tat nicht verarbeitet, sondern stattdessen verdrängt habe und sich aus diesem Grund ungewöhnlich chaotisch und in der Schule zuweilen „extrem albern“ zeige. Deshalb soll das Mädchen im Anschluss an den Prozess therapeutische Betreuung in Anspruch nehmen.

Bevor das Urteil fallen wird, sind noch in diesem Jahr zwei weitere Fortsetzungstermine angesetzt. Bei diesen sollen auch weitere Reitschülerinnen befragt werden.

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