Es gab Zeiten, da konnte Dettingen gleich mit drei Rathäusern dienen. Mit dem Neuen im „Schlössle“, dem alten Rathaus in der Hülbener Straße und dem Gasthaus „Stern“ in der Kreuzgasse.

Ein Wirtshaus als Verwaltungssitz?

Nein, ganz so sei’s nicht gewesen, erinnern sich Zeitzeugen. Aber am Stammtisch in der legendären Gaststätte haben die Dettinger das politische Geschehen einst mindestens so penibel durchpalavert wie der Gemeinderat das in offizieller Runde tat. Als Facebook noch Science-fiction war, wurde dort Politik gemacht, Meinung gebildet – und auf den Tisch gehauen. Der Stern war das „kleine Rathaus“, erzählen ältere Dettinger.

Kurz, in dem Wirtshaus im alten Ortskern hockten die Einheimischen zusammen. Über Jahrzehnte. Dort sahen viele ihre ersten Fernsehbilder. Dort fanden sich Paare, dort kehrten auch die Honoratioren ein. Und eine Frau war nicht wegzudenken aus dieser Kultgaststätte in Alt-Dettingen: „Sternen“-Wirtin Else Röhm führte das Lokal mehr als sechs Jahrzehnte mit knitzem Witz und schwäbischer Schaffigkeit. Noch mit knapp 100 zapfte sie Bier.

Bis 2011 war Else Röhm für ihre Stammgäste da (Anschreiben war erlaubt). Hochbetagt, im Alter von 104 Jahren, ist die „Sternen“-Wirtin im Mai verstorben. Im dem Haus, das der Gemeinde Dettingen gehört, hatte die bis kurz vor ihrem Tod rüstige Seniorin ein lebenslanges Wohnrecht.

Was wird aus diesem Filetstück

Und nun? Was wird aus dem „Stern“, diesem Filetstück im alten Ortskern? Eines scheint schon jetzt klar: Das baufällige alte Gasthaus ist wohl nicht mehr zu retten. Die Verwaltung hat das Gebäude unlängst untersuchen lassen – die Ergebnisse liegen den Gemeinderäten vor: „Alter, Grundriss, Bauzustand und die geringe Wohnfläche sprechen dagegen, das Bestehende zu erhalten“, heißt es da.

Also abreißen und neu bauen? Über die Zukunft des „Stern“ hätte der Dettinger Gemeinderat in seiner jüngsten Sitzung entscheiden sollen. Hätte. Ein entsprechender Vorschlag der Verwaltung lag den Kommunalpolitikern vor. Die Idee: Das ganze Grundstück verkaufen, und zwar an einen Investor, der ein Konzept für eine Neubebauung des Geländes vorlegen muss.

In der Wohnungsnot nicht zurückhalten

Das favorisiert zumindest Bürgermeister Michael Hillert, der nicht noch eine weitere Brache in der Ortsmitte sehen will. „Angesichts der aktuellen Wohnungsnot können wir das Gelände kaum zurückhalten“, urteilt der Rathauschef. Immer wieder sei Hillert auch von Interessenten auf das Areal im Ortskern angesprochen worden. Ihm schwebt ein kleiner Wettbewerb für die besten Pläne in der Kreuzgasse vor. „So haben wir immer noch Einfluss darauf, was dort gebaut wird.“

Das Mitspracherecht indessen möchte der Dettinger FWV-Vorsitzende Dr. Rolf Hägele gar nicht erst teilen. Auf seinen Antrag hin (den alle anderen Fraktionen unterstützten) flog das Thema „Stern“ am Donnerstag kurzfristig von der Tagesordnung der Sitzung. „Wir hätten die Bebauung des Geländes gerne selbst in der Hand“, urteilt der stellvertretende Bürgermeister – wohl auch mit Blick auf die Dauerdebatten über Giebelhöhen und fehlenden Parkraum im Ortskern.

Lieber das Heft in der Hand behalten

Hägele sähe am liebsten die gemeindeeigene Kommunale Wohnbau (KWG) als Bauherr in der Kreuzgasse. Damit wären Verwaltung und Gemeinderat zwar Herr des Verfahrens, müssen aber Geduld aufbringen: Weil die KWG in naher Zukunft das neue Wohngebiet „Ziegelhütte“ realisieren soll und auch in Sachen Ärztehaus (Uhlandschule) die Verantwortung trägt, sind die Kapazitäten beschränkt. Das weiß auch der FWV-Chef, dem es in Sachen „Stern“ aber nicht pressiert. „Wir verschieben die Entscheidung nicht auf den Sankt Nimmerleinstag – aber wir können auch noch in ein, zwei Jahren handeln.“ Bis dahin, hofft Rolf Hägele, kann die KWG wieder Projekte stemmen.

Die Angehörigen von Else Röhm haben derweil das Gebäude geräumt und historische Habseligkeiten aus der langen Wirtshausgeschichte an das Dettinger Heimatmuseum übergeben. Der „Stern“ steht leer, und das wird vorerst auch so bleiben.

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Else Röhm war zwölf, als ihr Vater 1927 das Gasthaus Stern eröffnete. Die Tochter wuchs hinein in die Gastronomie – und ist dort geblieben. 84 Jahre lang, bis 2011. Vor allem in den den 50er- und 60er-Jahren war der Stern ein beliebter Treff. Es gab dort die erste Musikbox in Dettingen, den ersten Fernseher und die ersten Hähnchen, erzählen Zeitzeugen.