Metzingen Nicht nur die Jugend echauffiert sich

Alt gegen Jung? Ist das die Marschroute im Bäderdialog?
Alt gegen Jung? Ist das die Marschroute im Bäderdialog? © Foto: Thomas Kiehl
Metzingen / Von Peter Kiedaisch 14.07.2018

Es ist wohl so, dass viele Metzinger verwirrt sind. Die Diskussion um die Bäder schien doch schon beendet, als der Gemeinderat Mitte Mai beschlossen hatte, ein kombiniertes Frei- und Hallenbad auf dem Bongertwasen bauen zu wollen. Dagegen formierte sich dieser Tage Widerstand.

Eine Gruppe von etwa zehn Personen treibt ein Bürgerbegehren voran, sammelt dafür Unterschriften und möchte einen Bürgerentscheid durchsetzen. Die Fragestellung lautet: „Sind Sie dafür, dass die vorhandenen Bäder saniert und erweitert werden sollen?“

Eine Frage, die dazu geneigt ist, bejaht zu werden, denn wer möchte da beim ersten Betrachten schon Nein sagen? Zumal die Bürgerinitiative mit keiner Silbe erwähnt, welche Konsequenzen das hätte. Sie verschweigt, dass es dann nämlich keinen Neubau eines Kombibads auf dem Bongertwasen geben würde. Und sie verschweigt, dass damit Wünsche und Anregungen von etwa 4000 Metzingern verloren gingen, die sich am ersten Bürgerdialog sowie auf einer Online-Plattform zu Wort gemeldet hatten und deren Ideen in den Pro-Kombibad-Beschluss des Gemeinderats mündeten.

Während jetzt aber auf der einen Seite Unterschriften für ein Bürgerbegehren gegen das Kombibad gesammelt werden, hat am Donnerstag der Gemeinderat bei einer Enthaltung (Elke Haubold-Schüle, Grüne) beschlossen, in den zweiten Teil des Bürgerdialogs einzusteigen, ungeachtet dessen, wie sich das Bürgerbegehren entwickelt. Jetzt, wir haben darüber berichtet, geht es darum, unter Mitwirkung der breiten Öffentlichkeit alle Fragen zu klären, die die Ausstattung des Bads betreffen. „Wir ermitteln damit nur Grundlagen“, sagte Metzingens Oberbürgermeister Dr. Ulrich Fiedler. Grundlagen, die für ein Kombibad ebenso brauchbar sind wie sie für das alte Freibad und das alte Hallenbad wären, sollte sich bei einem etwaigen Bürgerentscheid eine Mehrheit für den aufgehübschten Status quo entscheiden. Zudem, und darauf hat Finanzbürgermeisterin Carmen Haberstroh hingewiesen, wäre ein Planungsstillstand kontraproduktiv. Schlimmstenfalls müsste das eine oder andere Bad sanierungsbedingt geschlossen werden.

Also marschiert die Bäderdiskussion auf getrennten Wegen. Hier Gemeinderat und Verwaltung (Bürgerdialog), beide reklamieren für sich, für etwa 4000 Menschen zu sprechen. Dort die Initiative der Kombibad-Gegner (Bürgerbegehren), die derzeit Unterschriften sammelt.

Stadtrat Holger Weiblen (CDU) habe kurz mit dem Gedanken gerungen, ob es angesichts des Bürgerbegehrens nicht besser wäre, die Diskussion um den Bürgerdialog jetzt noch nicht zu führen, sagte er während der Ratssitzung am Donnerstag. Gab sich aber selbst die Antwort: „Nein, wir müssen das fortsetzen, weil die Bäder marode sind.“ Harsche Kritik übte er am Vorgehen der Bürgerinitiative und an der Art, wie sie ihre Unterschriften fürs Bürgerbegehren sammelt: Er, Weiblen, habe von zwei Seiten gehört, dass die Unterschriftenliste in mindestens einem Altenheim die Runde macht. „Das ist unterirdisch. Damit hat die Initiative den letzten Funken Demokratieverständnis über Bord geschmissen.“ Auch Ulrike Sippli (SPD) sah es so: „Da wurden Grenzen überschritten.“

Bernhard Mohr (FDP) antwortete indirekt auf eine Frage, die kürzlich an ihn gerichtet wurde: Warum denn der Gemeinderat nicht längst selbst entschieden habe: Weil durch den Beteiligungsprozess so viele Ideen und Anregungen zusammenkamen, auf die das Gremium allein nie gekommen wäre: „Der Bürgerdialog hat sich gelohnt.“ Auch er kritisierte das Bürgerbegehren scharf: „Es kommt nicht zustande, weil der Beschluss pro Kombibad nicht rechtens sei, sondern weil das einigen Bürgern nicht passt.“ Peter Rogosch (FWV) betonte, ebenfalls hinter der Fortsetzung des Bürgerdialogs zu stehen, hinterfragte allerdings eine Zahl: Er habe gehört, die Bürgerbeteiligung habe bislang eine halbe Million Euro gekostet. „Stimmt nicht“, revidierte Carmen Haberstroh. Für externe Berater hat die Stadt lediglich 40 000 Euro bezahlt.

Käme es indes zu einem Bürgerentscheid, würde ein sechsstelliger Betrag fällig, gab OB Fiedler zu bedenken. Während der Ratssitzung kam auch die Abiturientin Nastassia Schotter zu Wort. Sie ist Vorsitzende des Jugendgemeinderats und äußerte sich zum bisherigen Verlauf der Bürgerbeteiligung: „Endlich konnten sich auch mal Jüngere einbringen, das ist ja eher selten.“ Freunlich bedankte sie sich auch namens der Jugendlichen dafür, mitdiskutieren zu dürfen: „Wir wollen auch künftig gerne mithelfen.“ Dann allerdings kam sie auch auf das Thema „Bürgerentscheid“ zu sprechen und war zusehends um Contenance bemüht: „Wenn es dazu kommt, sind die Jugendlichen raus.“ Alle, die jünger als 16 sind, auch die, die sich bislang an der Diskussion über den Jugendgemeinderat oder die Schule beteiligt haben. „Das kann doch nicht der Sinn eines solchen Prozesses sein. Wenn die Jugend mit dieser Begeisterung dabei ist, darf es nicht sein“, polterte sie inzwischen in die staunende Runde der erwachsenen Räte und Verwaltungsexperten, dann also darf es nicht sein, „diese Stimmen einfach unter den Tisch fallen zu lassen.“ Tosender Applaus begleitete ihr Abrücken vom Ratstisch. OB Fiedlers Kommentar war kurz, aber unmissverständlich: „Wow!“

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