Metzingen Neujahrskonzert in Metzingen mit dem Akademischen Orchester Stuttgart

Metzingen / SIMON WAGNER 29.01.2013
Tschaikowsky trifft auf singende Säge: Zum Neujahrskonzert des Veranstaltungsrings (VRM) spielte das rund 100 Mitglieder starke Akademische Orchester der Universität Stuttgart in Metzingen auf.

Die ganz großen Geschütze wurden am Sonntagabend in der Metzinger Stadthalle aufgefahren. Nicht weniger als 100 Mitglieder des Akademischen Orchesters der Uni Stuttgart nahmen Platz auf der gerade noch ausreichend dimensionierten Bühne. Entsprechend erhob sich eine symphonische Klangwucht, als die Musiker unter der Leitung von Veronika Stoertzenbach und ihrem Assistenten Christoph Müller zu spielen begannen. Und zwar mit Pauken und Trompeten - nicht nur im übertragenen Sinne. Alleine schon diesen vollen, orchestralen Sound zu erleben, der da von der Bühne schwappte, hätte ein Kommen gelohnt. Doch die rund 400 Zuhörer in der fast ausverkauften Halle sollten bis zum Ende des rund zweieinhalbstündigen Konzerts in Spannung und Laune gehalten werden. Doch dazu später mehr.

Den Reigen illustrer Melodien eröffnete zunächst das Orchester mit Tschaikowskys "Winterträumen". Die wogenden und temperamentvollen Melodielinien schienen wie geschaffen, um den üppigen und kultivierten Klang des Ensembles zu demonstrieren. Liebliche Szenerien sahen sich drastischen Stimmungswechseln unterworfen. Die mächtig besetzten Instrumentengruppen suchten wiederholt das Zwiegespräch, um am Ende wieder zu klangstarker Homogenität zurückzufinden.

Die Orchester-Fraktionen, bestehend aus aktuellen und ehemaligen Studenten aller Fachrichtungen, agierten - auch mit Hilfe der engagierten Leitung - durchweg mit Zug, selbstbewusst und doch klanglich fein austariert. Auch als das Orchester bei Tschaikowskys populärem Klavierkonzert in b-Moll in die zweite Reihe rückte, wahrte es die zur Begleitung nötige Sensibilität. Das war der Moment des Pianisten Christian Döring. Unter seinen Händen erklang jene majestätische Eröffnung, die mittlerweile auch in der Joghurt-Werbung missbraucht wird. Im Konzert ist sie, bildlich gesprochen, der melodiöse Hafen vor dem Aufbruch in die aufgewühlte See. Durch sie steuerte Döring seinen Flügel versunken und mit emotionaler Tiefe hindurch - durch die allfälligen, konzertanten Stromschnellen. Sein ebenso sensibles wie aufrüttelndes Spiel war der künstlerische Höhepunkt des Abends. Zu Recht erntete der Verursacher langen Applaus und einzelne "Bravo"-Rufe.

Höhepunkte der gänzlich anderen Art erlebten die Zuhörer im zweiten Teil des Konzertabends. Er war bestimmt durch Beschwingtes aus Johann Strauß "Fledermaus" und Tschaikowskys "Nussknacker"-Suite. Die Tänze boten indes die Vorlage für instrumentale Experimente, die wohl nur studierten Ingenieuren einfallen können. Hier montierte man das Mundstück an Gartenschläuche (David Föll, Christoph Stuhler, Julian Seiler, Raphael Karutz), dort erklang die Glasharfe oder der Fuchsschwanz aus dem Baumarkt - die singende Säge (Gisela OGrady-Pfeiffer). Im konzertanten Einsatz auch unüblich: Muscheln. An den Mund gesetzt, entlockte ihnen Tilmann Schaal seltsam vertraute und warme Töne - die durchaus auch mal rocken können. Von Veronika Stoertzenbach witzelnd kommentiert, trieben es die Musiker auf die Spitze und warfen auch diverse Schleif- und surrende Bohrmaschinen an.

Derart gut gelaunt, war es für die Gesangssolisten des Abends - Jasmin Özkan, Uta Oellig und Christian Willms - ein Leichtes, das Publikum vollends im Sturm zu erobern. Sie taten es mit Straußens Operettenszenen und in Begleitung des rund 50-köpfigen Projektchors. Er hatte sich unter der Leitung von Stephen Blaich und Wolf-Dieter Rahn just für diesen Abend gefunden. Am Ende gab es für sie und alle anderen Akteure donnernden Applaus.

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