Was haben angewandte Physik und das Prädikat „Staatlich anerkanntes Heilbad“ miteinander zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel, möchte man meinen. Und doch wurden Beobachter während der Sitzung des Verwaltungsausschusses in Bad Urach am Dienstagabend Zeugen einer leidenschaftlich geführten Diskussion, die immer wieder neue und durchaus auch überraschende Wendungen bereit hielt.

Prädikate präsenter kommunizieren

Ausgangspunkt war die sogenannte Ortsschilderinitiative des Heilbäderverbands Baden-Württemberg. Sie fußt auf dem vom Land beauftragten „Gutachten zur Fortentwicklung des Heilbäder- und Kurortwesens in Baden-Württemberg“. Es legt dem Heilbäderverband darin eine Vielzahl von Handlungsempfehlungen ans Herz. Eine der zentralen zielt dabei auf eine deutlichere Herausstellung des kurörtlichen Prädikates und des staatlichen Anerkennungsverfahrens ab, wie es in der von Bad Urachs Tourismuschef Torsten Clement verfassten Drucksache heißt. Das Gutachten fordert in diesem Zusammenhang die Heilbäder und Kurorte, den Heilbäderverband und das Land auf, Prädikate umfassender und präsenter an Gäste und Einheimische zu kommunizieren.

Zusatz „Staatlich anerkannt“ kommt an

Eine konkrete Maßnahme ist es, die Ortseingangsschilder um das Prädikat – im Fall von Bad Urach „Staatlich anerkanntes Heilbad“ – zu ergänzen. Bei einer im Zuge des Gutachtens vorgenommenen Analyse, habe sich herausgestellt, dass die Reisezielentscheidung weniger davon abhängt, ob ein Ort den Titel „Bad“ im Namen trägt (16 Prozent). Für mehr Befragte (29 Prozent) falle vielmehr ein höherwertiges Prädikat ins Gewicht. Nach Gesprächen auf ministerialer Ebene wurde die Anerkennung einer Sonderstellung der Kurorte erzielt, die eine Nennung des Prädikats auf dem Ortsschild ermöglicht.

Zehn neue Schilder für 800 Euro?

In Bad Urach würden zehn neue Schilder im Maßstab 600 mal 900 Millimeter benötigt. Gesamtkosten: 800 Euro. Es waren allerdings weniger die Kosten als grundsätzliche Überlegungen, die Noemi Guthauser (SPD/AB) dazu brachte ihre Kritik an dem Vorhaben anzubringen. „Ich bin irritiert darüber, wie die Stadt auf die Idee kommt, für diesen kleinen Zusatz, den man aus dem fahrenden Auto gar nicht sieht, Geld auszugeben“, hakte sie ein. Dass es sich um eine Stadt mit Heilbäderbetrieb handle, sei doch ohnehin an dem Städtevornamen Bad zu erkennen. Sie legte nach: „Ich verstehe es nicht.“ So angesprochen gab ihr Torsten Clement zwar dahingehend Recht, dass der Bäderbetrieb bereits im Stadtnamen verankert sei, allerdings soll mit dem ergänzten Ortsschild das nicht selbstverständliche Prädikat weiter nach außen getragen werden.

80 Prozent machen mit

Bad Urachs Bürgermeister Elmar Rebmann betonte derweil, dass rund 80 Prozent der betroffenen Kommunen die Initiative des Heilbäderverbands unterstützen, indessen räumte er ein, dass die Schrift auf dem Schild nicht übermäßig groß ausfalle. Gleichwohl sei sie deutlich erkennbar. Sein scherzhafter Hinweis: „Wenn man schlecht sieht, sollte man auch nicht mehr Autofahren.“

Guthausers Fraktionskollege Horst Vöhringer sprang ihr unterdessen zur Seite. Er findet, dass das Ortsschild mit der Zusatzinformation schlichtweg überfüllt sei. Um es nicht zu überfrachten, wären schon zwei bis drei Meter große Tafeln vonnöten, ulkte er. Zudem näherte er sich dem Thema aus Richtung der angewandten Physik. Seine Schulmathematik zur Hilfe genommen, kam er auf zwölf Meter, die ein 50 Stundenkilometer fahrendes Auto in der Sekunde zurücklege. Zwar sind es genau genommen 13,89 Meter, doch ob so oder so, Vöhringers temporeiche Schlussfolgerung steht fest: „Das kann kein Autofahrer bewusst wahrnehmen.“ Es sei denn, wie hinter vorgehaltener Hand am Ratstisch gescherzt wurde, es sei mal wieder Stau auf den Einfallstraßen. Dann hätten die Reisenden tatsächlich viel Zeit das Schild zu betrachten und sich ins warme und entspannende Wasser zu träumen.

Psychologische Wirkung und Werbeeffekt?

Allerdings auch Befürworter meldeten sich zu Wort. Uthe Scheckel (FWV) etwa glaubt an die psychologische Wirkung, die einen entsprechenden Effekt haben werde, Stefanie Hummel (CDU) sieht den Invest schlicht als Werbungskosten, die sich lohnen werden. Schlussendlich empfahlen die Ausschussmitglieder, gegen die Stimme von Noemi Guthauser, die Beantragung der Zusatzbezeichnung und die neuen Ortsschilder. Der Gemeinderat hat am 22. Oktober das letzte Wort.

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800


Euro würden die zehn neuen Ortseingangsschilder kosten. Ob sie angeschafft werden, entscheidet der Gemeinderat in Bad Urach am 22. Oktober.