Drei sportlich gekleidete Menschen auf der Bühne: eine Frau zwischen zwei Männern. Wie bei Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht aus dem Off: Sie verspricht mal wieder, alles zu tun, um die Morde und deren Hintergründe restlos aufzuklären und die Täter einer gerechten Strafe zuzuführen.

Katrin Kaspar, Philipp Lind und Paul Schaeffler zeigen auf der Bühne dazu das handliche Merkel-Dreieck. Und machen sich dann selbst an die Aufklärung. Beziehungsweise an die szenische Zusammenfassung dessen, was bisher bekannt ist. Die drei dynamischen Sportsfreunde zählen dabei detailliert alle NSU-Attentate auf und wie die Ermittler jahrelang die falschen Spuren verfolgen. Die Täter vermutet man im familiären Umfeld, oder sie werden irgendeiner Ost-Mafia zugeschrieben. Man gründet die "BAO Bosporus" und spricht von den "Dönermorden". "Wenn die Opfer Deutsche gewesen wären, hätte man dann von den 'Kartoffelmorden' gesprochen?", fragen sich die drei sportiven Radler auf der Bühne und widmen sich ausgiebig den krassen Ermittlungspannen. Stichwort: Wattestäbchen.

Sie erzählen, wie wichtige Zeugenaussagen ignoriert werden. Wie der Verfassungsschutz auf dem rechten Auge blind zu sein scheint. Wie die V-Männer finanziell bestens ausgestattet die rechte Szene systematisch aufbauen, Straftaten begehen, aber hinterher als Informanten straffrei ausgehen. Wie beim Verfassungsschutz NSU-relevante Akten vernichtet wurden. Wie während des Prozesses wichtige Zeugen kurz vor ihren Aussagen plötzlich sterben. Wie bei rechtsextrem motivierten Morden generell krampfhaft an der Einzeltätertheorie festgehalten wird.

Tugsal Mogul widmet sein "Rechercheprojekt" nicht nur den NSU-Opfern, sondern allen Nazi-Mordopfern seit den 1990er Jahren, die deshalb auch alle einzeln genannt werden. Am Ende des Doku-Theaterstücks werden offene Fragen aufgeworfen, die auch der NSU-Prozess bisher nicht klären konnte: die nach der Rolle des Verfassungsschutzes, der V-Männer, eventueller Mittäter und weiterer Ungereimtheiten.

Uraufgeführt wurde das Projekt vor einem Jahr in Münster, Regisseurin Sapir Heller hat den Text fürs Zimmertheater noch einmal aktualisiert und mit den drei Schauspielern auf bemerkenswerte und eigenwillige Weise inszeniert: Katrin Kaspar, Philipp Lind und Paul Schaeffer spielen dabei abwechselnd sich selbst oder an der Affäre beteiligte Figuren, schlüpfen in die Rolle als Mahner, Aufklärer, Ankläger. Geben sich betroffen oder ironisch, halten sich nicht zurück mit subjektiven Bewertungen und machen sich lustig über die Ermittler, den Verfassungsschutz. Sie äußern sich sarkastisch über die Bundesanwaltschaft und steigen immer wieder aus dem Doku-Text aus, um sich selbst zu kommentieren.

Weil die Täter immer wieder in Radlerhosen an den Tatorten gesichtet wurden, steht auch das Zimmertheatertrio im Radlerdress da und gibt sich gymnastisch, dynamisch und vielleicht als Anspielung auf die eigentümliche Uwe-Uwe-Beate-Beziehung immer wieder betont wollüstig. Sie verwickeln sich in eine Art Radler-Kamasutra ineinander, zeigen zwischen den Morden seltsame Schuhplattler- oder Disco-Einlagen und geben sich auch sonst alle Mühe, die Zuschauer optisch immer wieder zu verwirren.

Auch die Ermittler waren offenbar durch das Radler-Outfit der Täter so massiv verwirrt, dass sie die Nazi-These nicht weiter verfolgten. Oder schon mal einen Nazi in Radlerhosen gesehen? Der Sporttrip wird von der Regie konsequent bis zum Schluss durchgezogen. Immer wieder steigt das Trio auf die halben Bikes an der Bühnenwand. Oder verschwindet im Backstage, um zu diskutieren, wie man die nächste Szene arrangiert. Die Rückwand zieren jede Menge Fahndungs- und Phantomfotos der zig Täter, die in den letzten 25 Jahren rechtsextrem motivierte Morde begangen haben.

Um die ideologischen Zusammenhänge auch symbolisch zu betonen, spinnen die drei Schauspieler ein rotes Fadennetz bis in den Zuschauerraum hinein. Nach und nach werden alle Requisiten in der Mitte aufgespießt, am Ende fährt man Fahrradkarussell um den Spieß. Die drei Dokumentaristen machen wenig Hoffnung, dass der NSU-Komplex restlos aufgeklärt werden wird, solange der Verfassungsschutz seine Verschleierungstaktik fährt und die V-Männer schützt. Oft sind es naheliegende Gimmicks, mit denen die Geschichtsstunde präsentiert wird, oft inszeniert man aber auch in Rätseln. Das wiederum entspricht so ziemlich dem Ermittlungsstand in der Sache: Vieles ist offensichtlich, vieles wird aber auch zukünftig rätselhaft bleiben.

Termine und Karten

Aufführungen Weitere Vorstellungen des Tugsal-Mogul-Stücks "Auch Deutsche unter den Opfern" gibt es am Donnerstag, 21., Dienstag, 26., und Mittwoch, 27. Januar, jeweils um 20 Uhr im Zimmertheater, Bursagasse 16, in Tübingen.

Karten können unter Telefon: (07071) 9 27 30 oder unter www.zimmertheater-tuebingen.de vorbestellt werden.

RAB