Nachlese - Im Nukleus der amerikanischen Seele

Althippie und Globalisierungsgegner: T. C. Boyle kam bei seiner Lesung im Tübinger Museum glänzend an.
Althippie und Globalisierungsgegner: T. C. Boyle kam bei seiner Lesung im Tübinger Museum glänzend an. © Foto: Jürgen Spieß
JÜRGEN SPIESS 06.03.2015

Er ist ein begnadeter Schreiber und ein äußerst begabter Sprecher und Vorleser: Kultautor T.C. Boyle hatte unlängst im ausverkauften Kino Museum vor 700 Besuchern sein neues Werk "Hart auf Hart" vorgestellt. "Romane sind wie Rockkonzerte. Entweder bringst du die Leute zum Tanzen oder sie feuern dir Bierdosen an den Kopf", hat T.C. Boyle mal gesagt und eines ist sicher: Bei dem US-amerikanischen Schriftsteller und auch in seinen Büchern rockt es gewaltig.

Zuverlässig produziert er einen Bestseller nach dem anderen und nicht nur seine Geschichten, auch seine Lesungen erinnern an Rockkonzerte. So bleiben bei der Vorstellung von "Hart auf Hart" auch keine Plätze unbesetzt. Seit mehr als vier Wochen ist die von der Tübinger Buchhandlung Osiander und dem Deutsch-Amerikanischen Institut organisierte Lesung komplett ausverkauft. Schließlich wollte niemand versäumen, dem formulier- und fabulierlustigen Kultautor in die düsteren und komplexen Abgründe seines Werks zu folgen. Auf 400 Seiten breitet der 66-jährige Autor, der sich gerne wie ein Teenager kleidet, das dicht verwobenes Szenario einer Welt aus, in der es von kruden Vietnam-Veteranen, durchgeknallten Waffennarren und dunkler Paranoia nur so wimmelt.

Statt Stagediving gibt es für Boyle bei seinem Erscheinen auf der Bühne erst einmal ein Bad im Applaus. Die Lesung entwickelt sich von Beginn an zu einem Heimspiel mit witzig-ironischen Antworten von einem charmanten, aufgeräumten Autor. Moderiert wird die Veranstaltung von der NDR-Redakteurin Margarete von Schwarzkopf, die deutsche Übersetzung der zunächst von Boyle vorgetragenen Romanpassagen liest Johannes Karl vom Zimmertheater.

Doch bevor die eigentliche Lesung beginnt, plaudert Margarete von Schwarzkopf mit Boyle erst einmal über dies und das und warum den deutschen Lesern das seltene Glück beschieden ist, das Buch sechs Wochen vor seinen Landsleuten in den Händen zu halten: "Das war eher ein Unfall", meint Boyle mit einem Augenzwinkern, denn sein Verlag in den USA habe das Buch aufgrund seiner Schreibwut (fünf Romane in fünf Jahren) einfach zu lange zurückgehalten.

Wie schon in seinen bisherigen 14 Büchern entwickelt der überzeugte Globalisierungskritiker und bekennende Althippie eine besondere Zuneigung zu Außenseitern und Outlaws, die sich gegen ein Amerika des ungezügelten Konsums aufreiben.

In "Hart auf Hart" ist dies der cholerische Patriot und Vietnamveteran Sten. Außerdem sein Sohn Adam, ein Psychopath mit kruden Verschwörungstheorien, der sich ein Heldendasein nach dem Vorbild des Nationalhelden und Trappers John Colter zurechtgelegt hat, und Sara, eine frustrierte und meist bekiffte 40-jährige Anhängerin einer rechten Anarchistengruppe, die sich wie Adam in die Wälder Kaliforniens zurückgezogen hat, um vor den "Bullen, Mehrwertsteuernazis und Spießern" zu fliehen.

Nach der Fragerunde mit Moderatorin von Schwarzkopf liest Boyle mit akzentuierter Aussprache und starker Gestik das erste Kapitel des Romans, das fast wie eine eigene Kurzgeschichte funktioniert.

Boyle nutzt sein Charisma und seine Entertainer-Qualitäten, um in fesselnder Manier von einer Kreuzfahrt zu berichten, die Sten und seine Frau nach Puerto Rico führt. Dort werden sie von drei jungen Räubern überfallen und ausgeraubt. Der ehemalige Soldat Sten überwältigt einen der Räuber, tötet ihn mehr aus Versehen und wird dadurch zum Helden. Dabei gelingt es Boyle überzeugend darzustellen, wie sich die Bedrohung und ungezügelte Gewalt in der Gesellschaft zunehmend Bahn bricht. Sein Ziel: Er will einen Einblick in den "Nukleus der amerikanischen Seele" geben. Vor allem im Gespräch mit der Moderatorin zeigt sich Boyle als jemand, der es liebt, viele Worte zu machen, der es aber auch trefflich versteht, zu unterhalten. Die wohltuende Ironie, mit der der Amerikaner manche genrespezifische Zumutung zu moderieren weiß, machen diese Lesung zu einem echten Literatur-Ereignis.

Nicht umsonst stehen die hellauf begeisterten Besucher nach der Lesung noch über eine Stunde lang an, um von dem Vielschreiber ein Autogramm und ein paar warme Worte zu ergattern. Vielleicht nimmt er sich für seine deutschen Leser ja deshalb soviel Zeit, weil er den Sprachrhythmus im Deutschen "so überaus spannend" findet.