Metzingen Momente, die der Seele guttun

Nach einem herzhaften Frühstück kann der Tag beginnen.
Nach einem herzhaften Frühstück kann der Tag beginnen. © Foto: Angela Steidle
Metzingen / ANGELA STEIDLE 03.03.2015
"Es braucht oft Jahre bis man merkt, dass man gemeint ist", sagt Susanne Bauer von der Diakonischen Bezirksstelle. Das Verwöhnfrühstück für pflegende Angehörige wird dann schnell zur Herzenssache.

Paris ist geschenkt. Da findet die Schwäbin nichts, was sie nicht auch zu Hause hätte. Und wenn die Akropolis in Metzingen stünde, wäre sie zum einen renoviert und hätte zum anderen längst eine Tiefgarage. Das zumindest behaupteten Martina Budziat-Bardos und Ilina Setka vom Reutlinger Theater der Generationen in ihrem Sketch "Die Wochenend-Reise". Dass es anschließend doch in die "Weltstadt mit Charme und anständigem Essen geht: z'Schtuagert", war fast zu banal, um es beim ausgedehnten Verwöhnfrühstück nebenher zu verdauen.

Zurücklehnen und durchatmen, hieß es am Samstagfrüh für pflegende Angehörige aus Metzingen, Grafenberg und Riederich. Das illustre Kaffeehaus-Trio mit Kantor Wilfried Klafke am Klavier, Viola Ambacher an der Geige und Annette Bidlingmaier am Cello brachte Schwung aufs gepflegte Parkett. Die Organisatorinnen hatten sich wieder viel einfallen lassen: von der festlich frühlingshaften Tischdekoration über selbstgemachte Marmelade als Mitbringsel bis zur gediegenen Showeinlage. An jedem Tische stand ein extra Stuhl als Aufforderung, sich einfach dazu zu setzen. Davon wurde reger Gebrauch gemacht. Beinahe machte es den Eindruck, dass sich Menschen, die sonst zu Hause mehr und länger in die Pflege von Angehörigen eingespannt sind, unter Gleichgesinnten von einer Welle der Zuneigung und Gegenseitigkeit tragen lassen.

Und es sind immer noch die Frauen, die den Hauptanteil an der häuslichen Pflege tragen. Zumeist Ehefrauen, die zu Hause ihren Mann, die Tante oder die Eltern umsorgen, aber auch den behinderten Sohn, den eigenen Bruder, und manchmal gleich mehrere in Serie hintereinander. Die wenigen Männer, betont Susanne Bauer von der Bezirksstelle der Diakonie in Metzingen, wünschen sich beim Frühstücken längst Verstärkung. Viele bekannte Gesichter entdeckte Dagmar Oswald vom Pflegestützpunkt der Stadt Metzingen unter den Gästen, aber auch einige neue. Üblicherweise lässt es sich auch Oberbürgermeister Dr. Ulrich Fiedler nicht nehmen, mit der Kaffeekanne durch die Reihen zu spazieren. Der war am Samstag von der Klausurtagung der Feuerwehr in Beschlag genommen zu offensichtlich brennenden Themen.

Pfarrerin Petra Frey von der evangelischen Gesamtkirchengemeinde schob eine kleine Geschichte ein, die wunderbar zum Thema passte: Ein älterer Mann mit einem grandiosen Blumenstrauß zog in der Straßenbahn die Blicke einer hübschen jungen Dame auf sich. "Meine Frau wäre sicher damit einverstanden gewesen, dass ich ihnen den schenke", entschied der Herr spontan, überreichte ihr den Strauß und verschwand im Tor eines kleinen Friedhofs. "Dieses Bedauern gibt es ganz oft", erzählt Petra Frey aus ihrem Alltag als Seelsorgerin: "Hätte ich doch zu Lebzeiten etwas getan." Ein Bedauern, das über den Tod des Angehörigen hinaus reicht. Ein schöner Gedanke ist: Zum "Verwöhnfrühstück für pflegende Angehörige" und dem monatlichen Gesprächskreis, aus dem diese Wellness-Oase hervorgegangen ist, sind auch Menschen eingeladen, die das Ende bereits erlebt haben und in der Phase des Loslassens sind.

"Pflege passiert immer im Privaten", unterstreicht Dagmar Osterwald vom Metzinger Pflegestützpunkt, "ihre Bedeutung ist so wichtig für die Gesellschaft. Grade weil dieses Engagement so selbstverständlich ist, braucht es Öffentlichkeit und Wertschätzung." Ein idealer Zeitpunkt dafür, meint Susanne Bauer von der Diakonie, ist der Frühling: "Weil es nach den langen trüben Wintertagen einfach gut tut, Mut zu fassen und nach draußen zu gehen." "In dem Maße, wie man in die Pflege eingebunden ist, verliert man den Sozialkontakt. Man lebt zurückgezogener", weiß Dagmar Osterwald. "Beim gemeinsamen Frühstück unter Gleichen kann man über Dinge reden, mit denen man sonst nirgendwo landen kann", ergänzt Petra Frey, "man kann aktiv in Kontakt gehen mit anderen, die ähnliche Sorgen und Themen haben." Dass es dabei völlig entspannt zugeht, ergibt sich im Gespräch mit einer waschechten Schleswig-Holsteinerin, die seit über 60 Jahren mit einem noch waschechteren Neuhäuser verheiratet ist und Schoten drauf hat, die das schwäbische Kabarettstückle fast in den Schatten stellen. Nur ein paar Momente, die in der Seele guttun. Auch wenn es an diesem Samstag wegen Grippe-Erkrankung fast die Hälfte der Gäste nicht geschafft haben.

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