Gächingen Molkereien ertrinken in Milch

Der Omira-Geschäftsführer Ralph Wonnemann (links) und der im Amt bestätigte Vorstandsvorsitzende der MEG, Peter Sautter.
Der Omira-Geschäftsführer Ralph Wonnemann (links) und der im Amt bestätigte Vorstandsvorsitzende der MEG, Peter Sautter. © Foto: Simon Wagner
SIMON WAGNER 12.11.2014
Einen Jahresbericht, der nach jüngsten Milchpreiseinbrüchen fast schon wieder überholt ist, hörte die Milcherzeuger-Genossenschaft Reutlingen am Montag. Omira-Geschäftsführer Ralph Wonnemann bereitete die Bauern auf harte Zeiten vor.

Der Blick auf die Zahlen des vorangegangenen Jahres glich dem Blick zurück auf die gute alte Zeit. Im Jahr 2013 erhielten die 111 Genossenschaftsmitglieder im Schnitt 36,33 Cent pro Kilogramm abgelieferter Milch und damit rund 5,6 Cent mehr als noch im Jahr 2012. Knapp 23 Millionen Kilogramm flossen in die Tanks der Ravensburger Omira Oberland-Milchverwertung GmbH. Seit 2010 Vertragspartner der Reutlinger Erzeugergenossenschaft (MEG), zahlte sie zuletzt mit 38 Cent ein Milchgeld oberhalb des Branchendurchschnitts.

Soweit der harmonische Teil des Abends im Gächinger Gasthaus "Hirsch", bei dem rund 80 Genossenschaftsmitglieder einstimmig den MEG-Jahresabschluss mit einem Bilanzgewinn von rund 1640 Euro akzeptierten, wie auch den Vorstand um Peter Sautter und den Aufsichtsrat mit seinem Vorsitzenden Jürgen Lang entlasteten.

Den weitaus größeren Raum nahm allerdings der Blick in die Zukunft ein. Und der verheißt nichts Gutes. Wie gravierend es kommen könnte, zeigte nicht zuletzt der Omira-Aufsichtsratsvorsitzende Erich Härle. Er appellierte, Ruhe zu bewahren angesichts seiner vorangestellten Diagnose: "Der Höhepunkt des Milchpreises ist überschritten."

"Die schlimmste Krise in der Milchindustrie", sieht gar Omira-Geschäftsführer Ralph Wonnemann dräuen. Die Rohstoffpreise bewegen sich derzeit mit "ganz stark fallender Tendenz". Die Ursache hierfür sieht er in der weltweit gestiegenen Milchproduktion. Zusätzliche 6,5 Millionen Tonnen oder fünf Prozent drängen auf den Weltmarkt: "Es wird überall Menge gemacht", beobachtet er und sagt: "Es ist kein Ende abzusehen." Eine höhere Milchmenge, die stockende Nachfrage aus China aber auch politische Rahmenbedingungen, wie das Russland-Embargo, tragen das ihrige zum Überangebot bei. "Die Molkereien ersticken in Milch", illustrierte er die Situation und erklärte: "Die Bestände bilden sich erst." Wann es zu einer Entspannung der Lage kommt und die Nachfrage wieder schneller steigt als das Angebot, das kann Wonnemann nicht prophezeien. Er ist vielmehr nach Gächingen gekommen, um mit den Genossenschaftlern Klartext zu reden: "Ich will ihnen keine heile Welt vortäuschen: Diese Entwicklung wird sie im Frühjahr einholen." Dann wird das Unternehmen die neuen Preise festlegen. Er machte den Milchbauern jedoch wenig Hoffnung, dass etwa für Frischeprodukte höhere Preise als um die 27 Cent gezahlt werden können. Dazu beitragen dürften auch die Verträge mit großen Discounter-Ketten. Die Verhandlungen mit ihnen nannte Wonnemann "schlichtweg eine Katastrophe". Glück im Unglück hat Omira immerhin mit dem bis 2018 geltenden Vertrag zwischen ihr und dem Lebensmittelkonzern Mondelez (Milka). Er garantiert Omira über fünf Jahre hinweg feste Abnahmepreise für Milchpulver. Auf dem Weltmarkt sind die Preise hingegen um rund 30 Prozent eingebrochen.

Mit Blick auf die im April wegfallende Milchquote und die damit einhergehende Liberalisierung des Markts, erachtet Wonnemann derartige Festpreisverträge, die die Erzeuger künftig mit der Omira schließen können sollen, als sinnvoll: "Damit erkaufen Sie sich Sicherheit", warb er und meinte vorneweg die Landwirte, die jüngst höhere Investitionen getätigt haben. Aber nicht nur ihnen rät er angesichts der kommenden Milchpreisentwicklung, die eigene Liquiditätsplanung durchzugehen: "Es kann für den ein oder anderen hart werden", so seine Warnung. Er bot bei Schwierigkeiten, Hilfestellungen seines Hauses an.