Upfingen / Alexander Thomys  Uhr

Meister Hans-Dieter Nau, Gründer der eigenen Schreinerei in Upfingen, redet gerne Klartext und ist dabei ganz offen. Deshalb beschönigt der Schreiner beim Pressegespräch zum Thema Inklusion auch nichts. „Wenn man diesen Schritt geht, muss einem klar sein, dass man mehr Zeit mitbringen muss als für einen Lehrling“, sagt Nau etwa. Der Schreinermeister ist diesen Schritt dennoch gegangen – und hat mit Tobias Trämer einen schwerbehinderten jungen Mann als Helfer eingestellt. Nach zwei befristeten Verträgen ist der 21-Jährige seit kurzem unbefristet mit einer 100-Prozent-Stelle angestellt.

Eine Erfolgsgeschichte in Sachen Inklusion. Deshalb luden Susanne Blum von der Inklusionskonferenz des Landkreises und Rainer Dibbern vom Integrationsfachdienst auch zum Pressegespräch in die Schreinerei ein. „Wir müssen solche guten Beispiele zeigen, denn man kann auch auf dem ersten Arbeitsmarkt etwas bewegen“, ist sich Blum sicher.

Und die Geschichte von Tobias Trämer und der Schreinerei Nau ist tatsächlich eine Erfolgsgeschichte. Der junge Mann aus Lonsingen ist lernbehindert und besuchte die Münsinger Georg-Haldenwang-Schule. Diese vermittelte auch 2012 das Praktikum bei der Schreinerei Nau. „Es hat mir gleich sehr gut gefallen“, berichtet Trämer, der sich anschließend immer wieder anbot, in der Schreinerei auszuhelfen. Unterstützt vom Integrationsfachdienst wechselte Trämer dann in die Berufsvorbereitende Einrichtung (BVE) an der Berufsschule Münsingen. Diese ermöglichte Trämer immer wieder einzelne Arbeitstage in der Upfinger Schreinerei, bis diese ihm dann tatsächlich als Helfer einen befristeten Arbeitsvertrag anbot. Am Beginn standen eher einfache Tätigkeiten: Für Ordnung sorgen, den Hof fegen und verschiedene Gärtnerarbeiten auf dem Betriebsgelände. Doch Hans-Dieter Nau und sein Sohn Thomas, der für Trämer schnell zu einer Vertrauensperson wurde, forderten den Schwerbehinderten gleichzeitig auch. „Tobias hat eine Rechtschreibschwäche und wollte zu Beginn die Stundenzettel gar nicht ausfüllen – aber die braucht er für den Zahltag“, erklärt Hans-Dieter Nau kategorisch. Mit Hilfestellung und Konsequenz kam Nau weiter: „Mittlerweile funktioniert das ganz gut.“

Fördern und Fordern: Das brachte Nau und Trämer näher. „Die Chemie hat einfach gestimmt.“ Auch einen eher jugendspezifischen Durchhänger überstanden Trämer und sein Arbeitgeber gemeinsam. Und auf dem Weg zum Führerschein fand Trämer Unterstützung im Betrieb. Inzwischen kümmerte er sich auch um die Heizungsanlage und das Brennholz, wobei ihn auch ein Arbeitsunfall nicht schreckte. „Tobias gibt nicht so schnell auf“, lobt Nau.

Gut für das Betriebsklima

Auch beim Einbau von Türen und dem Verlegen von Böden ist der 21-Jährige inzwischen eine wertvolle Hilfe. Und als bei einer Baustelle bei Stuttgart ein wichtiges Teil fehlte, fuhr der Schwerbehinderte den Firmenwagen zurück nach Upfingen und anschließend wieder zur Baustelle. „Und das ohne Navigationsgerät“, staunt Nau noch heute.

Auch das Betriebsklima in der zwölfköpfigen Belegschaft sei nach einer Gewöhnungsphase mit Trämer deutlich besser geworden, es wird viel gescherzt und gelacht. Hilfe auf diesem Weg bot immer wieder der Integrationsfachdienst, ob bei Gesprächen mit Trämer oder bei der Berechnung von Lohnzuschüssen, an denen sich die Arbeitsagentur, die Inklusionsstelle und der Landkreis beteiligen. „Das lief für mich alles völlig unproblematisch“, betont Hans-Dieter Nau. Rund 60 Prozent des Lohns wurden im ersten Jahr durch Eingliederungshilfen abgedeckt, derzeit sind es 50 Prozent. „Bis zu 70 Prozent sind möglich“, erklärt Dibbern. Dies sei abhängig von der Leistung, welche der Schwerbehinderte im Betrieb tatsächlich erbringen kann. „Im ersten Jahr brauchte es diesen Zuschuss wirklich, das muss man so sagen“, ist Nau offen. Und Dibbern macht eine weitere Rechnung auf: „In den speziellen Werkstätten haben wir weitaus höhere Förderquoten.“

Eine Win-win-Situation also, von der alle Seiten profitieren. So kann sich Trämer nun von seinem Gehalt auch ein eigenes Auto leisten. Und er wird gefordert, steht mitten im Leben und mitten unter seinen Nichtbehinderten Kollegen. „Man muss auf die Leute zugehen und ihnen auch etwas zutrauen“, betont Hans-Dieter Nau. Dafür bekomme man auch einen Mitarbeiter, der mit seiner Arbeit zufrieden ist und eben auch mal Arbeiten erledigt, die sonst keiner zu schätzen weiß, wie eben das Aufräumen. „Ohne Tobias räumt bei uns keiner mehr auf“, schmunzelt Nau. Und Tobias Trämer freut sich über seinen „Traumjob“.

70

Prozent beträgt der Lohnzuschuss maximal, wenn ein Unternehmen des ersten Arbeitsmarktes einen Mitarbeiter mit Schwerbehinderung einstellt. Der Integrationsfachdienst berät.