Riederich/Tübingen Mit massiver Wucht

Vor dem 5. Schwurgericht wird am 16. Februar weiterverhandelt.
Vor dem 5. Schwurgericht wird am 16. Februar weiterverhandelt. © Foto: Anne Laaß
Riederich / Anne Laaß 14.02.2018

Ein bekanntes Zitat aus einem Film lautet in etwa so: „Wut führt zu Hass, Hass führt zu unsäglichem Leid.“ Und ähnlich könnte auch der Prozess am Tübinger Landgericht umschrieben werden. Im Juli vergangenen Jahres kam es bei einer Hochzeit in der Riedericher Gutenberghalle wohl zu einer Schlägerei mit Todesfolge. Ausgangspunkt dafür seien zwei verfeindete Familien gewesen, wie es bereits bei Romeo und Julia der Fall war. Beide sind mazedonischer Abstammung und waren zur Feier eingeladen. Obwohl behauptet wurde, dass die Anwesenheit der einen Familie kein Problem darstelle, kam es letztlich doch zu einer Auseinandersetzung.

Wobei der Auslöser in jeder Zeugenaussage in Details variierte. Zunächst nahm man an, dass der Angeklagte vor Jahren versucht habe, eine Frau zu vergewaltigen. Das wurde nicht bestätigt. Im Verlauf des Prozesses kam dann die Theorie auf, dass es wohl diffamierende Gerüchte gegeben haben soll. Ein Mann aus der anderen Familie sei ein Säufer. Daraufhin wollte der Vater des Verstorbenen mit dem 35-jährigen Angeklagten reden, dieser lehnte aber ab. Irgendwann wurde aus einem lautstarken Streit ein Gerangel.

Der Angeklagte lief vor den drei Männern weg, wurde verfolgt und soll auf der Flucht einen von ihnen mit einem Messer tödlich verwundet haben. Der 35-Jährige selbst schweigt zu den Vorwürfen. Er sitzt scheinbar reg­los auf der Anklagebank. Seinen Gesten ist auch am dritten Verhandlungstag vor der 5. Schwurkammer nichts zu entnehmen. Im Gegensatz zu den Zuhörerplätzen. Als Professor Frank Wehner die Ergebnisse der Obduktion des Opfers dem Gericht mitteilt, ist der Schmerz der Verwandten deutlich zu vernehmen. Ein leichtes Weinen, tiefe, zittrige Atemzüge und leises Flüstern, kommentieren die Aussage.

Wehner zufolge wurde eine zwei Zentimeter große, glattkantige Hautverletzung ausgemacht. Sie soll, so die Erkenntnis, durch einen von unten nach oben ausgeführten Stich verursacht worden sein. Dabei wurden das Zwerchfell und das Herz verletzt. Zudem, und das sei ein eindeutiges Indiz für massive Gewalt, ist die siebte Rippe durchtrennt worden. Eine „knöcherne Verletzung“, so der 52-Jährige, ist nur durch eine massive Wucht zu erreichen. Zum Tode führte die Verletzung durch den hohen Blutverlust. Die Todesursache bezeichnete Wehner als „Blutmangelschock“.

Die mutmaßliche Tatwaffe, ein Messer mit einer etwa acht Zentimeter langen Klinge, hinterließ eine rund zehn Zentimeter lange Stichwunde. Ein Test auf Alkohol beim war negativ, lediglich die von der Notfallmedizin verwendeten Medikamente wurden nachgewiesen. Der Vorsitzende Richter Ulrich Polachowski fragte, ob folgende Situation ebenfalls zur Verletzung geführt haben kann: Dass der jüngere der beiden Brüder mit dem Messer auf den Angeklagten losgehen wollte, und dabei versehentlich auf seinen Bruder einstach? Wenn jemand in ein „Messer läuft, dann ist der Einstichwinkel eher horizontal“, erklärt der sachverständige Rechtsmediziner. Zudem gehe der Stich dann frontal nach hinten weg. Beides trifft nicht auf die Wunde zu.

Geladen waren zudem noch zwei Zeugen, die der Angeklagte am Tag des Vorfalls darum bat, die Polizei zu rufen. Zunächst erzählte eine 53-Jährige, wie sie auf den Angeklagten traf. Ihrer Aussage zufolge, brachte sie mit ihrem Lebensgefährten ihre Tochter nach Riederich. Dort half sie ihr dabei, etwas nach oben zu tragen, unten wartet der Lebensgefährte. Als sie zurückkam, war der 35-Jährige bereits da und bat darum, doch die Polizei zu rufen, da es eine Schlägerei an der Gutenberghalle gegeben hatte. Während sie ihrer Tochter Bescheid gab und diese dann die Polizei anrief, ging sie wieder nach unten auf die Straße, wo sie gemeinsam auf die Polizei warteten.

Der Angeklagte habe sich immer wieder hin und her bewegt. „Er wirkte eher panisch und ängstlich“, so die 53-Jährige. Bei der polizeilichen Vernehmung soll sie von extremer Angst gesprochen haben, verlas Verteidiger Christian Niederhöfer die damalige Aussage. Dem stimmte die Zeugin zu. Zudem sei ihr nicht aufgefallen, dass der Mann etwas weggeworfen habe. „Ich hatte ihn immer im Blick“, sagt der 52-Jährige aus. Auch er habe kein Messer bemerkt. Als er im Juli am Auto auf seine Freundin wartete, kam der Angeklagte auf ihn zu. Er sei nicht gerannt, sondern „normal gelaufen“. Dann bat er mehrmals darum, dass man die Polizei rufe. Dem 52-Jährigen und seiner Lebensgefährtin habe er von einer Schlägerei erzählt. Dabei soll der Angeklagte mit einem Messer bedroht worden sein. Weitere Hilfe lehnte der 35-Jährige wohl ab, wirkte aber nervös. Er hat immer wieder geschaut, dass ihm niemand folgt. Am Freitag wird die Verhandlung fortgesetzt.