Metzingen / Regine Lotterer Susanne Kohler hat am Samstag ihren 70. Geburtstag gefeiert.

Für Susanne Kohler stand schon mit sechs Jahren fest, in welchem Beruf sie einmal arbeiten möchte. Als Lehrerin Kindern den Weg in die Welt ebnen, ihnen zeigen, welch mannigfache Möglichkeiten es gibt, die eigenen Talente zu entfalten, das schwebte Susanne Kohler bereits in jungen Jahren vor. Als sie den Entschluss fasste, sich der Pädagogik zu widmen, durften bundesdeutsche Lehrer ihre Schützlinge noch ungestraft schlagen. Das hat Susanne Kohler am eigenen Leib erfahren. Ein Klaps auf die Backe, weil sie eine Anweisung der Lehrerin nicht verstand, erschütterte die Erstklässlerin und weckte zugleich ihren Kampfgeist. Als Erwachsene wollte sie es einmal anders, besser machen.

Ein Modellprojekt

Sie studierte an der Pädagogischen Hochschule in Reutlingen, 1980 kam sie als Lehrerin an die heutige Sieben-Keltern-Schule nach Metzingen. Im Gepäck hatte sie ihren Enthusiasmus und ihre Geige. Mit Hilfe der Musik hat sie manche Sprachbarriere überwunden und manches Herz erreicht, damals, als sie in der so genannten Vorbereitungsklasse vor ihren Schülern stand. Die Kinder waren aus Russland und der Türkei, aus Griechenland und Italien ins Ermstal gekommen, sprachen kaum ein Wort Deutsch. Mit der Klasse betrat die Sieben-Keltern-Schule seinerzeit Neuland, das Modellprojekt besaß Vorbildcharakter. Zum Glück, sagt Susanne Kohler, hatte sie in Christa Lindenmeyer eine Rektorin, die immer auf der Seite der Kinder stand. Auch im Lehrerkollegium sei sie bestens aufgenommen worden. In der Adventszeit begrüßte Susanne Kohler ihre Schüler nicht selten mit einem Musikstück: Auf der großen Eingangstreppe stehend spielte sie gemeinsam mit einer Kollegin Weihnachtslieder für die Kinder. Kann ein Schultag an einem grauen Dezembertag schöner beginnen?

„Mit meinen Erstklässlern habe ich oft Flöte gespielt“, erzählt sie, auch Stricken hat sie mit den Kindern geübt. Musik und Handarbeit rege erwiesenermaßen das Gehirn an, sagt Kohler, und helfe den Kindern damit, besser zu lernen. Ihren Schülern scheint diese Art des Unterrichts Spaß gemacht zu haben. Die Ehemaligen grüßen Susanne Kohler jedenfalls stets freundlich, wenn sie sie in der Stadt treffen. Mitunter erfährt sie dann, dass einige inzwischen selbst an Grundschulen unterrichten und ihren Schülern die Geschichten von Sebastian Lybeck über „Latte Igel“ vorlesen, so wie es Susanne Kohler einst bei ihnen gehalten hat. „Das freut mich natürlich.“

Freiraum für Kreative

Geboren 1949 in Untersiemau bei Coburg, hat sie in der Kelternstadt längst ihre zweite Heimat gefunden: „Ich bin in Metzingen richtig glücklich.“ Hier hinterließ sie nicht nur Spuren in ihrem Traumberuf. Viele bleibende Erinnerungen knüpfen sich auch an die Projekte, die sie gemeinsam mit Christine Thomas und Sylvia Lechler auf die Beine stellte. Die drei Frauen gründeten in den 90er Jahren die „KiWi – Kunst in der Werkstatt integrativ“. Eine Initiative, die Menschen Freiräume für künstlerisches Schaffen geben will. Das, was in den Ateliers entstand, trugen die großen und kleinen Kreativen hinaus in die Stadt, auf den Bahnhofsvorplatz etwa oder in die Bücherei, die wie der Reichstag verhüllt wurde. Manchmal war das Kammerorchester an den Projekten beteiligt. Ihm gehört Susanne Kohler schon seit Jahrzehnten an. Dr. Karl Bornhäuser warb sie einst als Ensemblemitglied.

Zur Musik fand sie als zehnjährige Gymnasiastin. Damals hörte sie einem Jungen namens Gottfried Schneider („den Namen werde ich nie vergessen“) zu, der Bachs a-moll-Konzert auf der Geige spielte. Jenem Instrument, dem auch Susanne Kohler ihr Herz schenkte.

Ihr Abitur bestand sie im politisch so bewegten Jahr 1968. Aufbruch lag in der Luft. Susanne Kohler wehrte sich damals wie viele andere gegen die Notstandsgesetze und gegen das einst in Mittelstadt geplante Atomkraftwerk. Ihr politisches Engagement führte sie schließlich für zwei Amtsperioden in den Metzinger Gemeinderat. „Wir waren die ersten grünen Stadträte.“ In der Sache, so erinnert sie sich, wurde im Gremium nicht selten hart gekämpft. Danach, beim Bier, war der politische Streit vergessen: „Wir haben alle an einem Strang gezogen.“

Weil der Gemeinderat seit jeher donnerstags berät, fehlte sie regelmäßig und schweren Herzens bei den Proben des Kammerorchesters. Allerdings blieb Zeit, die Musiker in die städtischen Ereignisse einzubinden. Als die Partnerschaft mit Hexham besiegelt wurde, reiste das Orchester beispielsweise mit nach England. Als Vorsitzende spielt sie seit 2003 die erste Geige im Vorstand des Kammerorchesters, im Ensemble hat sie ihren Platz bei den Bratschisten gefunden. In jüngster Zeit ist noch ein weiteres Ehrenamt hinzugekommen: Susanne Kohler fungiert als Schriftführerin des Fördervereins Familienzentrum. Dort, im Familienzentrum, ist inzwischen auch die KiWi angesiedelt.

Info www.kiwi-metzingen.de, www.kammerorchester-metzingen.de