Wie im Flug vergingen für uns die ersten Tage im Kinderprojekt in Cáceres, denn es wartete eine Menge Arbeit auf uns, aber auch viel Spaß. Zusammen mit den brasilianischen Kindern, die im Projekt betreut werden, haben wir - zusammen mit einem bekannten Künstler der Stadt - die Außenmauer bemalt und einen Gehweg vor dem Eingang angelegt. Denn die Straßen in dem Stadtviertel Cavalhada sind nicht asphaltiert, haben keine Kanalisation und auch keinen Gehweg. In der Regenzeit verwandeln sie sich in eine Matschpiste, teilweise sogar in einen einzigen Bach, der die Mauer unterspült und in der letzten Regenzeit fast zum Einsturz brachte. Der Gehweg, der höher liegt als die nicht asphaltierte Straße, schützt die Mauer, lässt die Kinder jetzt auch in der Regenzeit besser ankommen und schützt das Haus vor zu viel Schmutz.

Die gemeinschaftliche Malaktion mit dem Künstler Sebastiao Mendes war dem Fernsehsender von Cáceres sogar eine eigene Fernsehreportage wert. Die Präsenz des Malers war nicht nur für uns und die Kinder des Projekts eine große Ehre, sondern auch für den Ruf des Kinderprojekts in der Stadt sehr hilfreich. Außerdem waren wir natürlich stolz auf das schöne Ergebnis.

Den Gehweg anzulegen, bei 36 Grad Celsius, war eine große Herausforderung. Man kann sich kaum vorstellen, wie viel Überwindung es kostet, nach dem Mittagessen noch mal die Schaufel in die Hand zu nehmen und neuen Zement zu mischen, natürlich ohne Betonmischmaschine, sondern manuell. Aber wer das ein paar Tage hintereinander gemacht hat, kann sich besser vorstellen, was ein richtiger Achtstunden-Job bei der Hitze bedeutet. Die Projektkinder haben in der Zeit den Rost vom Zaun abgeschmirgelt, damit er gestrichen werden kann. Außerdem hat jedes Kind auf ein Stück Mauer sein eigenes Bild gemalt, sodass es zum Schluss eine große Bilderschlange ergeben wird.

Selbstverständlich haben wir miteinander nicht nur gearbeitet, sondern auch gespielt. Dass wir Fußball spielen werden, war natürlich schon vorher klar, wir haben einen Fußball als Gastgeschenk mitgebracht und haben auf einem brachliegenden Grundstück in der Nachbarschaft ein Spiel veranstaltet, das wir gerechtigkeitshalber gegen die Brasilianer verloren haben, aber tatsächlich nicht absichtlich, sondern, weil die brasilianischen Kinder richtig gut gespielt haben. Beim Spielen, genauso wie beim gemeinsamen Arbeiten, hat sich gezeigt, dass wir die Sprachbarriere tatsächlich schon ziemlich gut meistern, da haben sich die zwei Jahre ausgezahlt, die wir Portugiesisch gelernt haben.

Ein interessanter Tag mit den Projekt-Kindern war der Samstag, an dem wir sie in ihren Familien besucht haben. Die deutschen Freiwilligen, die schon seit fast einem Jahr im Projekt gearbeitet haben, haben vorher schon in einem Elternbrief mit den Eltern vereinbart, welche Familien uns zu einem Besuch einladen, und so bekamen wir einen Einblick in die Lebensverhältnisse der Kinder. Vorher wussten wir nur theoretisch, mit welchen Alltagsnöten Armut einhergeht, aber es konkret zu sehen, ist nochmal was anderes. In manchen Familien arbeiten die Eltern die ganze Woche über weit weg auf Plantagen und müssen die Kinder bis zum Wochenende der Obhut von Nachbarn oder einer Oma überlassen.

In vielen Familien gibt es morgens kein Frühstück, sodass die Kinder hungrig zur Schule gehen. Ein Junge würde gerne aufs Priesterseminar gehen, ein Mädchen möchte Ärztin werden, aber für beide reicht es nicht, sich in der Schule anzustrengen. Sie müssen neben der Schule her noch viel Geld verdienen, um sich die Schule leisten zu können. Ein Besuch musste abgesagt werden, weil die Mutter auf dem kleinen Bauernhof der Familie gebraucht wurde, der ein paar Stunden von Cáceres entfernt liegt, dort musste eine Kuh geschlachtet werden, und die Verarbeitung des Fleisches bedeutet für die Frau des Hauses einen Tag Arbeit. Der Junge aus der Familie war drei Tage lang in der Stadt allein zu Hause, er hat unsere Gruppe während der Zeit bei unserem Programm begleitet.

Aber überall sind wir freundlich empfangen worden, und alle haben uns erzählt, wie wichtig für ihre Kinder das Gonzalinhoprojekt ist und wie gerne sie dort nach beziehungsweise vor der Schule hingehen. Denn die Hälfte der Kinder besucht morgens vier Stunden die Schule, die andere nachmittags. Deshalb gibt es im Projekt eine Vormittags- und eine Nachmittagsgruppe, damit die Kinder in der schulfreien Zeit gut betreut sind. Die Partnerschaft des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums und der Kirchengemeinde St Bonifatius mit dem Gonzalinhoprojekt hier in Mato Grosso reicht bis zum ersten Jugendaustausch im Jahr 2002 zurück. Wir sind die sechste Gruppe, die hier im Projekt arbeitet. Im Februar 2016 (zum ersten Mal im Winter) wird der Rücktausch stattfinden. Auch wird es das erste Mal sein, dass ehemalige Projektkinder am Rücktausch teilnehmen. Ein paar der Kinder, die seit ihrem fünften Lebensjahr im Gonzalinhoprojekt betreut werden, sind jetzt zwischen 15 und 16 Jahre alt um damit im ähnlichen Alter wie die Metzinger Brasilien-AG. Die Voraussetzung für ihre Teilnahme ist, dass sie bis dahin, also in den nächsten anderthalb Jahren, ehrenamtlich als Helfer bei der Betreuung der jüngeren Kinder mitarbeiten. Wir freuen uns schon jetzt darauf, sie dann in Metzingen wiederzusehen und sind gespannt, wie sie den Metzinger Winter finden werden, denn in Cáceres herrscht jetzt gerade Winter bei Temperaturen nicht unter 30 Grad.

Brasilien-AG

Der Wilde Westen Am Rande des weltgrößten Süßwasser-Sumpfgebietes liegt die Stadt Cáceres, im so genannten "Wilden Westen" Brasiliens, 40 Kilometer von der bolivianischen Grenze entfernt. Hier leben jetzt für viereinhalb Wochen die 15 Jugendlichen der Brasilien-AG des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums und der Bonifatiusgemeinde. Von dort aus werden sie in den kommenden fünf Wochen unserer Zeitung jede Woche einen aktuellen thematischen Artikel schicken, den wir hier veröffentlichen. Dies ist der erste Artikel.