Sie sei Bauchschläferin, schickte die heute 83-jährige Frau am heutigen Montagmorgen im Zeugenstand des Landgerichts Tübingen voraus. In der Nacht auf den 5. Dezember vergangenen Jahres habe sie geschlafen, „als ich merkte, da springt mir jemand in den Rücken“, sagte die Zeugin. „Erst dachte ich, das wäre ein Tier, das da ganz brutal auf mich los ist.“

Angeklagte weint lauthals

Erst kurze Zeit später habe sie gemerkt, dass ein Mensch sie angegriffen hatte, „mich an den Haaren zog, mir in Nase, Mund und Augen griff, dann wollte man mir was in den Mund stecken“, berichtete die Frau. Währenddessen weinte die nur wenige Meter entfernt sitzende 38 Jahre alte Angeklagte lauthals. Ihr Verteidiger Urs-Gunther Heck stellte den Antrag, sie während der Vernehmung ihrer Schwiegermutter von der Verhandlung auszuschließen. Das Gericht lehnte ab, die wegen Mordversuchs angeklagte Schwiegertochter versteckte fortan ihr Gesicht, indem sie ihren Kopf auf den Tisch vor ihr gelegt hatte.

Opfer ruft um Hilfe

Währenddessen führte die 83-Jährige weiter aus, was aus ihrer Sicht in der Tatnacht geschehen war – damals habe sie noch nicht gewusst, dass ihre Schwiegertochter sie attackiert hatte: Kurzzeitig habe der Angriff aufgehört, sagte die Seniorin. „Ich habe dann um Hilfe geschrien und habe gerufen, wer bist du, was willst du von mir, du hast doch auch eine Mutter“, sagte die ältere Frau aufgewühlt. Daraufhin sei sie immer noch auf dem Bauch liegend erneut angegriffen worden, „ganz brutal war das, zuletzt ging sie wieder auf mich rein, hat mir mein Kopfkissen auf den Kopf gedrückt, ich dachte, es ist wohl am besten, wenn ich mich nicht mehr wehre“, berichtete die 83-Jährige.

Die Enkel kamen immer zu Besuch

Sie habe sich totgestellt „und habe dann ganz lang gewartet“. Sie sei am Oberschenkel zweimal gestupst worden, habe aber nicht reagiert. Irgendwann habe sie sich ganz vorsichtig bewegt, geschaut, ob noch jemand da ist, dann sei sie aufgestanden und zu ihrem Sohn, ein Stockwerk tiefer gegangen.
Der Sohn sei vor rund drei Jahren wieder zurück ins Elternhaus gezogen, von Scheidung werde geredet, so die Zeugin. Die Kinder ihres Sohnes waren allerdings weiter bei der Schwiegertochter geblieben, an den Wochenenden seien sie stets bei ihr, bei der Oma gewesen. In der Tatnacht habe die 83-Jährige ihrem Sohn berichtet, was ihr gerade widerfahren sei.

Warum wurde die Seniorin angegriffen?

Geglaubt habe der ihr zunächst nicht: „Hast du geträumt“, habe der gesagt. Als er sich seine Mutter genauer ansah, bemerkte er jedoch die zahlreichen Verletzungen und Hämatome im Gesicht, an Hals und Armen seiner Mutter. „Verstehen Sie das“, fragte der Vorsitzende Richter Ulrich Polachowski die Zeugin. „Können Sie nachvollziehen, warum Ihre Schwiegertochter Sie derart angegriffen hat?“ Nein, so die Zeugin: „Überhaupt nicht, ich habe immer geholfen und mich um die Kinder gekümmert.“

Von der Schwiegertochter beleidigt und beschuldigt

Nach und nach berichtete sie jedoch, dass das Verhältnis zu der 38-Jährigen völlig zerrüttet war. „Mein Mann ist ja schon fast drei Jahre tot, aber der hatte ihr noch Hausverbot erteilt“, so die Zeugin. Warum? Immer wieder habe die Schwiegertochter sie beleidigt und sie beschuldigt, dass die Geschwister ihres Mannes finanziell bevorzugt worden wären. Immer mal wieder habe sich die Schwiegertochter entschuldigt, ihre Kinder auch weiter zur Oma geschickt.

Im Büro des Sohnes

Doch auch da habe es Probleme gegeben: Wurde vereinbart, dass die Kinder zur Großmutter zum Essen kommen, habe sie gekocht, die Enkel seien aber öfter nicht aufgetaucht, berichtete die 83-Jährige. Sie habe sich dann Sorgen gemacht und bei der Schwiegertochter angerufen, ach, das habe sie ganz vergessen, so die Antwort. Gearbeitet habe die Frau ihres Sohnes auch nichts, so die Zeugin. „Aber der Geldbeutel musste immer voll sein.“ Dass die 38-Jährige im Büro ihres Mannes angemeldet gewesen sei, tat die Schwiegermutter mit einer wegwerfenden Geste ab: „Das war doch wahrscheinlich nur wegen der Versicherung.“

Seniorin ist in psychologischer Behandlung

Nach der Tat sei die 83-Jährige in psychologischer Behandlung gewesen, in ihr Schlafzimmer habe sie sich zwei Monate lang nicht mehr getraut. Eine Nacht sei sie im Krankenhaus gewesen, noch heute habe sie Narben an den Augenlidern. „Außerdem bin ich seitdem sehr schreckhaft.“
Ein mögliches Tatmotiv? Als die Schwiegertochter angefragt hatte, ob die ganze Familie zusammen Weihnachten feiern würde, habe es geheißen: Die Kinder könnten natürlich zur Oma kommen – nicht aber die Schwiegertochter. Die hatte ja schließlich Hausverbot. Die Verhandlung geht am 16. Juni im Landgericht in Tübingen weiter.