Hand an eine der Keltern hat Ulrich Neubrander zum ersten Mal in den späten 70er Jahren gelegt. Für das Fach Denkmalpflege sollte der Architekturstudent aus Lichtenstein nach Metzingen reisen und dort von jenem Gebäude Aufmaß nehmen, in dem sich heute das Weinbaumuseum befindet. Mit Messband und Bleistift war er vor Ort und wusste nicht, dass er zurückkehren würde. Seit 1986 ist Neubrander im städtischen Hochbauamt angestellt, in weniger als zwei Wochen wird der Leiter des Fachbereichs seinen Schreibtisch räumen, um sich in den Ruhestand zu verabschieden.

Bindhof war sein Lieblingsprojekt

Die Keltern, die Grundschule, das alte Rathaus, das neue Feuerwehrhaus. Wer in Metzingen unterwegs ist, bewegt sich in einem Raum, den der Sohn eines Architekten und Enkel eines Mannes mit eigenem Baugeschäft maßgeblich mitgestaltet hat: Etwa 15 Großprojekte hat Neubrander in den vergangenen dreißig Jahren betreut, darunter auch den Bindhof, der ihm besonders am Herzen liegt: „Es ist ein Wunder, was ein altes Gebäude alles erzählen kann“, sagt er mit Blick auf die massiven Balken der Deckenkonstruktion in dessen großen Saal.

Metzingen

Der Bereich Baugeschichte hatte es Neubrander schon während seines Studiums an der Technischen Fachhochschule in Stuttgart angetan. Entsprechend sollte sich Metzingen mit seinem Bestand an Altbauten als ein Arbeitsplatz entpuppen, an dem er neben Neubau-Projekten auch seiner Leidenschaft nachgehen konnte: „Jedes Projekt ist anders“, erklärt der Architekt schlicht. Und bei jeder Sanierung sei ihm gelegen, dem Original gerecht zu werden, ohne es zu kopieren.

So erinnert Besucher im Bindhof etwa die unaufdringliche, moderne Empore aus Glas und schwarz beschichtetem Stahl, dass auch ein Zeitgenosse am Werk war: 1532 erbaut, haben bis in das 18. Jahrhundert Generationen von Architekten und Handwerkern ihre Spuren am Bindhof hinterlassen. Die Unterschiede in der Gestaltung und Bauweise sind für Laien kaum zu erkennen, denn das Gebäude erscheint in tadellosem Zustand wie aus einem Guss.

Neubrander hingegen ist mit dem Bindhof bis ins Mark vertraut: Um das Alter der verwendeten Stämme zu ermitteln, hat er das Holz einer digitalen Dendrochronologie unterziehen lassen. Im zweiten Geschoss wurde das pastellfarbene Pistaziengrün Schicht für Schicht analysiert, um für den Neuanstrich geeignetes Farbmaterial wählen zu können. Die großen Dachziegel, sogenannte „Biberschwänze“, machte sein Team im Allgäu bei mehreren Hausabbrüchen ausfindig.

Von jedem Element des Gebäudes hat Neubrander versucht, die ursprüngliche Bauweise nachzuvollziehen. Diese Mühe hat er sich bei all seinen Altbau-Projekten gemacht. Im Fall des Bindhofs unterstützte ihn ein 25-köpfiges Team, das sich aus seinen Kollegen von der Stadt und externen Fachleuten zusammensetzte: „Es ist wirklich nicht einfach, Leute zu finden, die altes Handwerk noch beherrschen“, sagt er. „Aber es gibt sie.“

Architekt ein Leben lang

Überhaupt blicke er mit großer Dankbarkeit auf die gute Zusammenarbeit, die er in den dreißig Jahren immer wieder in der Verwaltung und auch mit dem städtischen Gremium erlebt habe: Zu dritt saß Neubrander mit seinen Kollegen 1986 noch im alten technischen Rathaus und arbeitete ohne PC. Mittlerweile ist das Team um zehn Mitglieder gewachsen, und während sich die Aufgaben kaum verändert haben, sei die Abwicklung und Fülle der Projekte Welten von den ersten Berufsjahren entfernt. Daran, dass nun ein neuer Lebensabschnitt beginnt, muss sich Neubrander erst noch gewöhnen: „Architekt ist man ein Leben lang“, schmunzelt er. „Aber ich möchte ein bisschen raus aus dem Termindruck“, entgegnet er auf die Frage, wie es weitergeht.

Weil seine Frau in einem Unternehmen mit innovativer Holzbauweise beschäftigt ist, plant er auch in Zukunft nicht ganz aus dem Bauwesen zu verschwinden. Dazu gesellen sich die Aufgaben als langjähriger Abteilungsleiter des TV Neuhausen und die Pflege seiner Streuobstwiesen mit den beiden Söhnen. „Ich empfinde es als Privileg, im Ermstal zu arbeiten und zu leben“, sagt er.

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