Vom blauen Firmenlogo des Metzinger Unternehmens Sauter Feinmechanik lenkt dieser Tage oft eine andere Farbe ab: Rot. Die Farbe der IG Metall, die seit Monaten von der Sauter-Geschäftsleitung fordert, in die Tarifbindung zurückzukehren. Seit Beginn des Jahres erhält die Forderung Nachdruck durch das, was gemeinhin als Arbeitskampf bezeichnet wird und Ausdruck dessen ist, dass die Verhandlungspartner in ihren Einschätzungen über Höhe von Löhnen und Gehälter noch zu weit auseinander liegen.

Am Donnerstag war wieder so ein roter Tag. Vor dem Firmentor postierten sich Streikposten mit roten Westen der IG-Metall. In roten Zelten gab es heißen Tee, ein Feuerkorb spendete Wärme. Gewerkschaftssekretär Michael Bidmon hat die Anliegen der Beschäftigten vorgetragen.

Über ein Megaphon, sodass es die etwa 100 vor dem Werksgelände streikenden Mitarbeiter von Sauter und organisierte Kollegen von umliegenden Firmen (Uraca, Walter, Huyck-Wagner) alles gut hören konnten.

Seine Stimme drang auch ins Innere der Firma, und wer nicht gerade telefonierte oder selbst in einem Gespräch war, hätte ihn auch verstehen können. Trillerpfeifen waren zu hören und das basslastige Hupen schwerer Lastzüge, die bei der Ausfahrt vom Firmengelände den Streikposten signalisierten, besser einen Schritt zur Seite zu gehen.

Im Gebäude hat sich zu dieser Zeit Geschäftsführer Michael F. Rudloff vorbereitet auf eine Fahrt nach Pfronten. Der neue Sauter-Geschäftsführer war bislang äußerst zurückhaltend, wenn es um Stellungnahmen zum Tarifkonflikt geht. „Das wäre doch Ping Pong spielen“, sagt Rudloff. Entscheidend sei doch nur die Frage, was bei den Verhandlungen rauskommt. Und der Vorwurf, mit dem Ausstieg aus dem Arbeitgeberverband, womit auch die Tarifbindung hinfällig ist, die bisher geltenden Errungenschaften der Arbeitnehmer aushebeln zu wollen, so Rudloff, „ist doch Blödsinn“. Damit bezieht er sich auf die Furcht der Arbeitnehmer, künftig stünde ihnen nur noch der gesetzlich vorgeschriebene Mindest-Urlaub zu, Urlaubs- und Weihnachtsgeld würden gestrichen, und auch sonst wären sie dem freien Spiel der Marktkräfte ausgeliefert. „Falsch“, wie Rudloff betont: Die bisher im Tarifvertrag geltenden Regelungen bleiben erhalten, lediglich das, was IG Metall und der Arbeitgeberverband neu aushandeln, muss Sauter nicht mitgehen: „Wir wollen den Leuten doch nichts wegnehmen“, sagt der Geschäftsführer. Aber: Das Jahr 2016 beispielsweise schloss mit einem Minus ab. Die Rendite der Jahre zuvor lag durchschnittlich bei etwa zwei Prozent. „Wir können keine Lohnsteigerung zugestehen, die jenseits der vier Prozent liegt.“

So viel erwartet die Branche, denn in der Konjunktur brummt es, zudem waren die Lohnerhöhungen in den zurückliegenden Jahren durchaus moderat. Das ist ein Grund, warum Rudloff (zusammen mit den damaligen Geschäftsführer-Kollegen Bernhard Sauter und Heiko Müller) den Austritt aus dem Arbeitgeberverband beschloss. Deswegen und weil die IG Metall auf Nachfrage der Unternehmensleitung wohl signalisiert habe, in Sachen Tarif­erhöhung für Sauter keine Ausnahme, also keine zeitliche Verschiebung, zulassen zu wollen: „Und schließlich haben wir überlegt, was so ein Austritt für die Mitarbeiter bedeutet“, so Rudloff und verweist auf den Bestandsschutz der bisher im Tarif geltenden Bestimmungen.

Diesen Bestandsschutz genießen freilich Mitarbeiter nicht, die jetzt erst eingestellt werden, wie wiederum IG-Metall-Sekretär Bidmon betont.

Insofern könnten die nächsten Tage noch spannend werden, zumal Rudloff jetzt einen Vorschlag vorgelegt hat, der zusammengefasst eine Lohnsteigerung von bis zu 3,5 Prozent für 2018 bis 2020 vorsieht, abhängig von zwei Faktoren: Die betriebsinterne Statistik muss in zwei Punkten deutliche Verbesserungen vorweisen. Erstens die Einhaltung der Liefertermine. Diese Quote muss von derzeit 48 Prozent schrittweise auf 85 Prozent steigen. Zweitens müssen Kosten für qualitätsbedingte Nachbesserungsarbeiten von derzeit 1,7 Prozent der Personalkosten halbiert werden. Dieser Vorschlag erreichte den Betriebsrat bereits am 12. Januar, der allerdings sieht sich außer Stande, den Vertrag zu unterzeichnen.

Das ist rein rechtlich auch ein schwieriges Unterfangen, denn solche Dinge obliegen den Tarifpartnern. Unterschreiben müsste die IG Metall. Bislang ist sie auf den Vorschlag nicht eingegangen, weswegen Sauter-Geschäftsführer Rudloff nun den Gang auf die Einigungsstelle ins Spiel gebracht hat. Der erste Termin könnte der 12. Februar sein, als Vorsitzenden der Einigungsstelle hat Rudloff Gerhard Pfeiffer vorgeschlagen.

Pfeiffer ist Vorsitzender Richter am Landesarbeitsgericht. Ob es dazu kommt? IG-Metall-Sekretär Bidmon hatte am Donnerstag während der Kundgebung keine allzu pessimistische Sicht auf die Dinge: „Ich habe heute Signale erhalten, die angedeutet haben, dass wir ins Gespräch kommen können.“ In dieser Aussage steckt viel Zurückhaltung, aber auch viel Taktieren und Verhandlungsgeschick.

Es geht ja auch um einiges. Das zeigt das Beispiel aus dem Krisenjahr 2009. Es lief schlecht, Personal wurde abgebaut und in einer Auffanggesellschaft untergebracht. Dafür waren die Mitarbeiter bereit, etwa auf 3500 Euro, also auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld, zu verzichten. Sie bekämen, so hieß es in einem Vertrag, das Geld, wenn die Rendite der Jahre 2009 bis 2015 mindestens drei Prozent erreicht. „Dazu hätte es ein Wunder gebraucht“, sagt der damals noch nicht für Sauter verantwortliche Rudloff.

Allein das Jahr 2009 schloss mit Minus 25 Prozent ab. Ein Wert, der die Folgejahre desaströs belasten musste. Unterschrieben haben den Vertrag allerdings zwei Betriebsräte, ein Gewerkschaftsfunktionär und ein Geschäftsführer. Wenn also die Rede davon ist, sagt Rudloff, „einer hat drei andere über den Tisch gezogen, dann stimmt das nicht: Vielmehr haben sich drei von einem über den Tisch ziehen lassen.“

Auch das fällt in die Sparte „Taktieren und Verhandlungsgeschick“.

Entgelt-Vorschlag 2018 bis 2020


Sauter-Vorschlag: Im April gibt es eine Einmalzahlung von 275 Euro. Zwei weitere Einmalzahlungen im September und Dezember sollen eine Mindestgehaltserhöhung von 1,5 Prozent garantieren. In den Folgejahren soll es jeweils mindestens 1,0 % geben.