Tübingen Mehr als Geld und Süßigkeiten

Tübingen / SWP 28.09.2012
Familien-Drama, Freibeuter-Abenteuer, Hollywood-Parodie und mehr: "Störtebekers Sohn" am LTT geriet höchst abwechslungsreich und unterhaltsam.

"Störtebekers Sohn" zappt sich durchs Fernsehprogramm. Denn sein Vater, der mit ihm ins Kino gehen wollte, hat abgesagt, weil er länger arbeiten muss. Das findet der Sohn total uncool. Er wünscht sich lieber einen echten Helden als Vater. Einen, der tun und lassen kann, was er will. So einen wie Störtebeker. Und so hüpft Henry Braun als "Störtebekers Sohn" auf seinem Sofa-Schiff herum, phantasiert sich in die Piratenwelt und sucht sich für jede Szene den passenden hollywoodesken Soundtrack aus ("Pirates Of The Caribean", "Eye Of The Tiger", "Lied vom Tod" oder "Winnetou"): rein in Störtebekers Welt aus Freiheit, Liebe, Gerechtigkeit und Mut.

Felix Schmidts (Stück, Regie und Ausstattung) originelle Störtebeker-Version wird so zu einer lustigen, spannenden, kreativen und mehrfach verspiegelten Mischung aus historischer und moderner Legende, aus Phantasie und Realität, aus Kitsch, Intrigen, Romantik, Ironie und Parodie, und nicht ohne einen Schuss Aktualität, Politik, Gesellschaftskritik und würziger Kapitalistenschelte: "Alles Pfeffersäcke!"

Erzähler und Alle-Figuren-Darsteller Henry Braun (dessen Vater Norbert Braun ebenfalls viele Jahre lang als Freilicht-Störtebeker auf der Bühne stand) ist als Störtebeker-Fan ganz beseelt von seiner Geschichte: Sein Held hat nämlich auch "ganz klein angefangen", erzählt er, und war als Angestellter der Hanse nur ein ganz kleiner Fisch. Bis ihn die Piraten gefangen nehmen. Statt viergeteilt zu werden, absolviert er lieber die Piraten-Aufnahmeprüfung: Einen Riesenhumpen auf Ex. Für Klaus "Stürz-den-Becher" kein Problem.

Und so gehts auf in den Kampf um eine bessere Welt, denn Störtebekers Mannen sind praktisch frühkommunistische "Likedeeler" - Gleichteiler. Auch Henry Braun geht auf Beutezug durch die Schubladen seiner Kommode und fördert einen ganzen Piratenschatz aus Süßkram zu Tage, den er unter den "Armen" im Publikum verteilt, die völlig begeistert sind von so viel Freigiebigkeit. Denn dem Freibeuter geht es "um mehr als Geld und Süßigkeiten!", wie Henry Braun mit nicht wenig Emphase verkündet. Sondern er hat eine Botschaft: Die Menschen und die Kinder könnten sich ihre Wünsche erfüllen, wenn sie mehr zusammenhalten und sich gegenseitig aushelfen würden.

So schafft es Henry Braun, jede Menge Pathos und Idealismus zu verbreiten, und trotzdem keinen Schiffbruch zu erleiden, weil alles mit einer gehörigen Portion Ironie und Übertreibung versehen ist.

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