Metzingen Marianne Sägebrecht kommt nach Metzingen

OTTO PAUL BURKHARDT 25.09.2012
Frauen mit Mutterwitz, Kampfgeist und Herz: Das sind ihre Lieblingsrollen. Marianne Sägebrecht kommt am Samstag nach Metzingen - wir sprachen vorab mit ihr über Film, Gesundheit und "Überlebens-Suppen".

Die Saison 2012/13 des Veranstaltungsrings Metzingen (VRM) hat bereits begonnen: Doch am Samstag, 29. September, 20 Uhr, kommt ein besonderer Gast in die Stadthalle: Marianne Sägebrecht, vielen noch bekannt aus dem legendären Percy-Adlon-Streifen "Out of Rosenheim" (1987) - einer "märchenhaften Komödie" über die Selbstbefreiung einer Frau.

Doch Marianne Sägebrecht war schon vor diesem Film wer: eine Allroundkünstlerin mit Herz, die in Schwabing eine Künstlerkneipe leitete, Kabarett machte und Theater spielte. Heute, 25 Jahre nach "Out of Rosenheim", blickt sie auf eine Karriere zurück, in deren Verlauf sie mit Stars wie John Malkovich und Michel Piccoli zusammenarbeitete.

In Metzingen gastiert die 67-Jährige, die sich neben der Schauspielerei auch für ganzheitliche Medizin interessiert, mit ihrem Programm "Litera-Tour von Säge bis Brecht" - im Duo mit Lenn Kudrawitzky, Schauspieler und Musiker (Berlin).

SÜDWEST PRESSE: Frau Sägebrecht, Sie werden oft als beherzte "runde Frau" beschrieben. Können Sie mit derlei Bezeichnungen leben?

MARIANNE SÄGEBRECHT: Mein runder Körper wird von mir geliebt, und ich setze ihn ein als mütterliches Signal an die Welt und ihre Bürger - vor allem in überästhetisierten Zeiten mit Magerwahn und Diskriminierungs-Kampagnen der Medien- und Mode-Welt.

Seit 40 Jahren bin ich nicht mehr ernsthaft krank gewesen. Ich tanze, schwimme und bewege mich viel in frischer Luft bei Spaziergängen und meiner Gartenarbeit und bin erfreut, mich, als feinfühlige Elefantenmama, ebenfalls auf der Zelluloid-Wiese der Filmografen - und das auf der ganzen Welt - tummeln zu dürfen.

In Metzingen sind Sie mit Ihrem Programm "Litera-Tour von Säge bis Brecht" zu Gast - was erwartet da die Zuschauer?

SÄGEBRECHT: In einem literarischen Bogen lese ich aus meinem Buch "Meine Überlebens-Suppen und -Geschichten", das auch mit Ratschlägen aus der Welt der Kräuter bestückt ist, und aus meinem gerade erschienenen Buch "Auf ein prima Klimakterium", einer Hommage auf die positiv erlebte Zeit meiner Wechseljahre.

Auch von Bertolt Brecht, Herbert Rosendorfer, Paulo Coelho und Mahatma Gandhi werden Textauszüge zum Besten gegeben. Mein Kollege Lenn Kudrawitzky, Sänger und Geigenvirtuose, wird Stücke von Mozart, Monti , Kreisler bis Dancla zelebrieren und mit jazzige Eigenkompositionen überraschen.

Was wollten Sie eigentlich werden?

SÄGEBRECHT: Mit sieben Jahren sprach ich davon, zuerst Nonne und nach der Einsegnung Krankenschwester in Afrika oder in meinem Traumland Surinam zu werden.

Mit zwölf Jahren wollte ich, nach der Inszenierung meines Theaterstücks über den Verräter Judas, Regisseurin werden.

Mit 15 Jahren wollte ich Hebamme werden, Theater oder Film erschienen mir in dieser Zeit zu oberflächlich, vor allem, da ich damals mit unserem Kaplan sterbenskranke Menschen im Krankenhaus besuchte, um diesen vorzulesen und sie tröstend aufzumuntern. Eine Berufsberaterin schickte mich in dieser einfühlsamen Phase zu ihrem Freund, einem Ganzheitsmediziner. Ich erlernte den Beruf einer Medizinisch-Diagnostischen Assistentin. In den Ferien und an den Wochenenden spielte ich Theater und organisierte Musikveranstaltungen, bis mich das Schicksal ganz in diese Laufbahn entließ. In meinen Büchern gelingt es mir, zur Freude meiner Leser immer einige der ganzheitlichen Ratschläge meines wunderbaren Lehrherren mit einzubringen.

Sie haben mit Weltklasse-Schauspielern von Kathleen Turner bis Richard Dreyfuss gespielt. Wie sind Ihre Erfahrungen damit?

SÄGEBRECHT: Meine Erfahrung hat gezeigt, dass sich die großen Schauspieler - wie zum Beispiel Jack Palance, Michel Piccoli, Michael Douglas und John Malkovich - mir gegenüber durch eine große Professionalität und Kollegialität, aber auch durch eine respektvolle Behandlung des mitarbeitenden technischen Teams ausgezeichnet haben, die mir selbst während der Dreharbeiten auch sehr am Herzen liegt.

Michael Douglas hat bei Drehschluss unseres Films "Der Rosenkrieg" für die gesamte Crew, Schauspieler wie Techniker, das waren etwa 150 Personen, ein großes marokkanisches Dinner für uns alle ausrichten lassen - ein Dankeschön für die vielen Überstunden, die alle hochmotiviert auf ihren Rücken geladen hatten, um den Film zeitgerecht zu beenden.

Sie sind meist in Rollen zu sehen, bei denen Sie Mutterwitz, Pragmatismus und Kampfgeist verkörpern. Könnten Sie jemals eine böse, gewalttätige Figur verkörpern?

SÄGEBRECHT: Der Satz einiger Kollegen - "das habe ich gedreht, weil ich Geld brauche" - ist in meinem Lebens-Script nicht zu finden, was heißt, dass ich, zum Erstaunen vieler, einige Angebote ablehnen muss oder abgelehnt habe.

Meine oft volkstümlichen Filmfiguren zeichnen sich durch Courage aus, ihr Leben zu verändern und in die eigene Hand zu nehmen, so bei Jasmin Münchgestettner in "Out of Rosenheim" oder wie im Film "Zuckerbaby", der sich auch, nach meiner Idee, mit dem Thema Tod respektvoll auseinander setzt.

Fazit: Eine böse, gewalttätige Figur, die klischeehaft im Lebensraum platziert wird, gibt es für mich nicht ohne eine Chance auf Wandlung und nicht ohne eine Aufdeckung des Ursache-Wirkung-Prinzips für den Zuschauer. Die meisten Drehbücher verweigern sich diesem Gedanken.

In dem neuen Film "Omamamia" spielen Sie eine Großmutter, die ins Heim abgeschoben werden soll?

SÄGEBRECHT: Eine wahre Geschichte, wunderbare Kollegen wie Annette Frier, der legendäre Giancarlo Nannini, um nur einige zu nennen, ein begabter Regisseur, Dreharbeiten in Rom, ein großes Glücksgefühl über unser Resultat und der tiefe Wunsch nach einer starken Akzeptanz durchs Publikum - was will eine alteingesessene, jung gebliebene Actrice mehr. Glückauf!

Wie stehen Sie zum Altern?

SÄGEBRECHT: Ich übernehme als Freiberuflerin weiterhin die Verantwortung für mein existenzielles Auskommen, pflege meinen Glauben, erhalte mir meinen Humor und meine Fürsorge für Mitmenschen. Die Zukunft wird mit neuen Wohnmodellen für ältere Menschen, kombiniert mit Interessengemeinschaften aller Altersklassen, aufwarten. Freuen wir uns des Lebens, solange noch ein Lämpchen glüht.

Was sind Ihre nächsten Projekte?

SÄGEBRECHT: Percy Adlon hat mir eine feine, humorvolle Rolle in seinem neuen Filmprojekt zugedacht, dessen Handlung sich in einer Aussteiger-Gesellschaft der älteren Generation abspielt.

Last but not least werde ich zum Jahresende 2013 meinen lange gehegten Plan in die Tat umsetzen und das Land meiner Kindheitsträume Surinam, auch Dutch Guyana genannt, mit seinem abenteuerlichen Regenwald und seinem Konglomerat von Menschen aus allen Nationen besuchen - in Begleitung eines Dokumentarfilm-Teams.

Mein Lieblingsdichter Goethe sagt dazu: "Wir blicken so gerne in die Zukunft, weil wir das Ungefähre, was sich in ihr hin und her bewegt, durch stille Wünsche so gern zu unsern Gunsten heranleiten."