Metzingen Lieber sterben, als in der Hölle bleiben

Metzingen / PETER KIEDAISCH 15.09.2015
Ein alter holländischer Kutter, Baujahr 1917, einst gebaut, um Krabben zu fischen, war zehn Tage die Heimat eines Metzingers, der auszog, arme Seelen aus dem Meer zu fischen. Seine Lehre: Die Welt ist voller Leid.

Völlig allein auf hoher See. Und wohin die Augen wandern, sie sehen nur Wasser. So hat die Reise von Klaus Stramm begonnen, der ab Mitte August drei Wochen lang von Lampedusa aus half, Flüchtlinge in Seenot zu retten. Zehn Tage verbrachte er auf dem Meer. An Bord der Sea-Watch. Sie ist ein alter Kutter, 22 Meter lang, fünfeinhalb Meter breit, 100 Tonnen schwer. Im Frühjahr entschloss sich der 63-jährige Informatiker, auf dem Rettungsschiff anzuheuern. Er bewarb sich und wurde angenommen. Für ihn sprach seine 30-jährige Erfahrung als aktiver Mittelmeer-Segler, auch wenn er privat eher in der Ägäis schippert. Die Rettungsaktion führte ihn freilich in andere Gewässer.

Die Sea-Watch ankerte zunächst vor der Küste Libyens. Dort regieren Chaos, Gewalt und Wahnsinn. „Wir sahen nachts die Raketen aufsteigen und die riesigen Lichtpilze der Detonationen“, erinnert sich Klaus Stramm. Die Guerillakämpfe warfen bizarre Bilder an den Nachthimmel, zu hören war auf dem Boot allerdings nichts als die Ruhe des Meeresrauschens. Die Sea-Watch musste außerhalb der 24-Meilen-Zone bleiben, das sind fast 50 Kilometer, weit weg vom Kanonendonner. Dem möchten tagtäglich die von der Angst ums Leben Zermürbten entkommen. Sie überlassen sich dem Meer. Zwischen der Urgewalt der Wassermassen und ihnen ist lediglich ein zehn Meter langes Schlauchboot chinesischer Machart mit einem Außenbordmotor und oftmals gerade so viel Sprit an Bord, dass sie es weit genug aufs offene Meer schaffen, aber selten den Sehnsuchtsort Lampedusa erreichen.

Es ist ein Glücksspiel, sagt der Metzinger Seefahrer Stramm. Die Schlepper setzen meist einen halbwegs dazu Fähigen hinten ans Steuer des Motors und drücken ihm einen Kompass in die Hand. Einen Spielzeugkompass. Der ist billig und hat die unangenehme Eigenschaft, fast überall hinzuzeigen, „nur nicht nach Norden.“ Auf den Schlauchbooten können die Menschen nicht sitzen. Dazu ist das Boot zu überfüllt. Sie stehen, manchmal 40 Stunden ununterbrochen. Im Salzwasser, in Urin und Exkrementen, in Erbrochenem, in ausgelaufenem Benzin. „Das ist grausam, ganz furchtbar“, sagt Stramm, der bei jeder Fahrt gehofft hat, „das Schlimmste nicht erleben zu müssen“, dass nämlich die Sea-Watch zu spät kommt und im Wasser nur noch Leichen treiben.

Auf das erste Flüchtlingsboot setzte sie das Rettungszentrum in Rom an. Es erhielt einen Notruf über ein Satelliten-Handy und gab der Sea-Watch die Koordinaten durch. Zunächst war dort aber nichts zu sehen. Nur Wasser soweit das Auge reicht. Stunden später erspähte der Ausguck vom Dach der Kabine aus dann doch das Boot. 150 Männer, Frauen und Kinder, einige Erwachsene hatten Babys auf dem Arm. Ein Voraustrupp umkreist in so einem Fall das Flüchtlingsboot weiträumig und fährt dann von hinten heran. Nie seitlich. Sonst würden alle Flüchtlinge dorthin drängen und brächten ihr Boot zum Kentern. Viele können aber nicht schwimmen, zudem kann die Sea-Watch so viele Menschen nicht aufnehmen. Sie leistet nur erste Hilfe und steht den Flüchtlingen so lange bei, bis große Rettungsschiffe eintreffen. Das kann manchmal acht Stunden dauern.

Manchmal hat Klaus Stramm die Flüchtlinge gefragt, warum sie ihr Land verlassen haben. Viele sind gar nicht aus Libyen. Sie kommen aus Ghana oder Eritrea und haben in Libyen gearbeitet. Seit Gaddafi gestürzt wurde, herrscht in Libyen der Mob. Unterschiedliche Gruppierungen bekriegen sich. Der Sklaven- und Organhandel blüht. Menschenleben sind nicht mehr wert als der Preis, den ein Reicher für sie zu zahlen bereit ist. Eine Frau hat Klaus Stramm die Frage, warum sie ihr Leben auf dem Meer riskiert, so beantwortet: „Lieber auf dem Meer sterben, als in der Hölle bleiben.“ Am letzten Tag der Fahrt von Klaus Stramm hat die Sea-Watch fünf Boote auf einen Schlag gefunden und etwa 650 Menschen gerettet. Für zwei kam die Hilfe zu spät. Sie lagen tot auf den Planken des Schlauchboots. Ein Mann und eine schwangere Frau.

Info Die Sea-Watch hat ein Spendenkonto: BLZ 10020500, Kto-Nr. 2022288. Stichwort „Sea-Watch“

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