"Eine Metropole der Superlative, ein Gebilde imposanter Zahlen, die ihre Größe, ihre Reichtümer und auch ihre Unterschiede darstellen. Eine Stadt, die zusammen mit weiteren 38 Gemeinden den so genannten Großraum São Paulo bildet, mit 19 Millionen Einwohnern der viertgrößte Ballungsraum der Welt." So beschreibt die Nichtregierungsorganisation "Cidades sem fome" ("Städte ohne Hunger"), die Stadt.

Wir als Brasilien-AG besuchten den deutschstämmigen Hans Temp, der die Organisation ins Leben gerufen hat und sie bis heute betreut. Mit ihm lernten wir einen der 36 Gemeinschaftsgärten kennen. Für jeden dieser Gärten wird ein Standort genutzt, an dem keine Häuser gebaut werden können, beispielsweise unter einer Hochspannungsleitung oder über einer Pipeline. Auf diesen Grundstücken, die alleine bis zu 6000 Quadratmeter einnehmen können, werden allerlei Nutzpflanzen wie Rucola, Zwiebeln, Karotten und rote Beete angebaut, um so die Grundversorgung von 115 Familien zu garantieren. Während unseres informativen Gesprächs im Schatten der Bäume des Gartens lernten wir zwei engagierte Arbeiter des Projekts kennen, denen man ihre Freude an ihrer Arbeit trotz der Hitze deutlich anmerkte.

Am nächsten Tag stand ein Treffen mit den Jugendlichen aus einer Favela-Bewegung an. Die MDF, die Bewegung zur Verteidigung der Favelados, wie sich die Bewohner der Favelas selbst nennen, hat sich zum Ziel gesetzt, die Lebensbedingungen, besonders der Jugendlichen, zu verbessern und ihr Bewusstsein hinsichtlich Kultur und politische Bildung und Organisation zu stärken, denn das Problem der Randbezirke großer Städte gliedert sich in zwei Themenbereiche: Zum einen fehlt die Bildung, zum anderen fehlen die finanziellen Mittel für Infrastruktur, Schulen, Kindergärten. Und so werden die Favelados den anderen Bewohnern von São Paulo von der Gesellschaft untergeordnet. Das stellt nach Aussage der Jugendlichen, mit denen wir gesprochen haben, die Wurzel dar für die Probleme, die man mit Favela assoziiert: Drogenhandel, Kriminalität, Perspektivlosigkeit.

Doch trotzt ihrer schwierigen Lebensumstände strahlen diese Menschen eine unglaubliche Lebensfreude und Wärme aus und scheinen sich nicht unterkriegen zu lassen. Maristella hat uns erzählt, dass sie eine von nur fünf jungen Frauen aus ihrer Favela ist, die genug Selbstvertrauen aufgebracht hat, um ein Studium zu wagen. Den Mädchen aus ihrer Schicht rät man immer ab, zu studieren. Das hat zur Folge, dass die meisten Mädchen die vorgezeichneten Wege gehen, ohne sich dafür bewusst entschieden zu haben, aber auch ohne wirklich eine Wahl getroffen zu haben. Ihre Freundin Jessica - auch aus der MDF-Bewegung - scheint es leichter zu haben, denn sie hat durch gute Noten ein Stipendium für ihr Studium bekommen. Aber um es nicht wieder zu verlieren muss sie die guten Noten halten.

Steht man dann auf dem höchsten Gebäude São Paulos und betrachtet dann die scheinbar unendliche Skyline, wird plötzlich schwer vorstellbar, dass hinter all den grauen Fassaden der Hochhäuser die so bunte Lebensfreude der Brasilianer steckt. Und dass sich zwischen den Straßenschluchten die grünen Oasen der Gemeinschaftsgärten von "Cidades sem Fome" verstecken.