Metzingen/Region Lauter werden für den Frieden

Militärangehörige, Reservisten und Hinterbliebene gedenken der Toten der beiden Weltkriege.
Militärangehörige, Reservisten und Hinterbliebene gedenken der Toten der beiden Weltkriege. © Foto: Angela Steidle
Metzingen/Region / ANGELA STEIDLE 17.11.2014
"Wachsam und mit Respekt vor anderen in die Zukunft zu schauen, und den Frieden nicht als etwas Selbstverständliches hinzunehmen", ist für Schülersprecher Vinzenz Bader am Volkstrauertag ein Anliegen.

Mit Blick in Richtung Ukraine und den Nahen Osten zitiert Vinzenz Bader den französischen Philosophen Gabriel Marcel: "Weil die Toten schweigen, beginnt wieder alles von vorn." Er mahnte am Ehrenmal auf dem Mühlwiesen-Friedhof: "Wie schnell sich eine kritische Situation aufbauen kann und wie schwer es ist, einen Kompromiss zu finden."

Die stilisierte rote Mohnblume am Revers wird für Metzingens Oberbürgermeister Dr. Ulrich Fiedler am Volkstrauertag zum Symbol für die Hoffnung, die Zuversicht und "den Glauben, dass Menschen tatsächlich etwas Gutes bewegen können, wenn sie sich um den Wert des Friedens bewusst sind". Klatschmohn blühte als erstes auf den Hügeln der Soldatengräber nach dem ersten Weltkrieg. Am Sonntag zuvor hatten auch die Bürger der englischen Partnerstadt Hexham ihrer Kriegsopfer gedacht, erzählte Ulrich Fiedler. Mohnblumen als "Rememberance-Poppies" gehören dort zur einfühlsamen Tradition.

"Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt", zitierte Metzingens Oberbürgermeister den deutschen Dramatiker Berthold Brecht. Erinnerung, Gedenken und Trauer seien wichtig, um Hinterbliebene nicht mit ihrem Schmerz, dem Verlust und ihrer Suche nach Antworten und Trost alleine zu lassen. Fiedler: "Wir brauchen diesen Tag im Jahr 2014 mehr denn je, um an das Schicksal der Menschen zu erinnern, die mittelbar oder direkt von Krieg betroffen sind." Dabei gehe es rund um die Welt um Einzelschicksale. Wie das des 15-jährigen Detlev, der am 2. Dezember 1944 an seinen Vater an der Front schrieb: ". . . Wenn du nur gesund und munter bist. Im nächsten Jahr wirst du ja wieder hier sein". Detlef hat seinen Vater nicht wieder gesehen. Der überlebte zwar den zweiten Weltkrieg. Aber Detlef selbst wurde als Flakhelfer eingezogen und blieb seit dem 1. März 1945 vermisst.

"Das Grauen des Krieges und die Dimension des Leids" seien gerade im Schicksal Einzelner bedrückend, so Fiedler: "Situationen wie diese sind bitterer Alltag vieler Menschen. Krieg ist im Jahr 2014 intensivere und bitterere Realität als wahrscheinlich je zuvor." Fiedler zitierte eine nicht enden wollende Liste generationenübergreifender Auseinandersetzungen, die in ihrer bloßen Präsenz schockierte. Von 70 Jahren Bürgerkrieg in Myanmar bis zum "grausamen, unmenschlichen und zutiefst verabscheuungswürdigen Höhepunkt im IS-Konflikt im Irak und Syrien". Die letztlich eines deutlich mache: "Wie wenig so viele aus der Vergangenheit gelernt haben. Vielleicht auch deswegen, weil so viele so wenig über die Vergangenheit auf dieser Erde wissen."

Sich in die Einzelschicksale hinter diesen Auseinandersetzungen hineinzudenken, übersteige jedes menschliche Vorstellungsvermögen. Ulrich Fiedler: "Der Verlust eines einzelnen Menschenlebens bedeutet für die Angehörigen den Verlust einer ganzen Welt. Er prägt die Familie über Generationen. Die Nachkommen erleben die Trauer. Sie lauschen der Erinnerung. Sie spüren das Schweigen". Oberbürgermeister Dr. Ulrich Fiedler appellierte an den Mut, "aufzustehen gegen die Kriege dieser Welt, gegen Gleichgültigkeit, Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit: Fehlende Zivilcourage ist nicht gleichzusetzen mit Toleranz." Fiedler forderte auf, wach zu bleiben und Verantwortung zu übernehmen für Geflüchtete, die auch in Metzingen um Hilfe bitten: "Wir müssen lauter werden in einer immer unfriedlicheren Welt."